Angehört, Musik
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Pathos Legal: Zwischen den Zeilen steht Poesie

Von der Poetry Slam- auf die Pop-Bühne: „Pathos Legal“ steht für spannende, deutschsprachige Popmusik. (Foto: Samira Ramic)

Deutschsprachige Popmusik hat es schwer in diesem Land. Dabei könnte es für sie viel einfacher sein, wenn die Radiosender landauf, landab nicht diesen glattgebügelten Einheitsbrei über den Äther verbreiten würden. Erst waren es die Bands mit Frontmädchen, dann die Solojungs mit ihren einfallslosen Phrasen „Ich liebe dich von West nach Ost, von Nord nach Süd“, die jegliche Ecken und Kanten vermissen lassen, an denen wir Hörer uns abarbeiten müssen und blaue Flecken holen. Alles rundgelutscht im Radio dieser Tage. Erfreulicherweise aber nur da, denn woanders gibt es sie: deutschsprachige Musik mit viel Raum und Tiefe zum Entdecken, wie die neue Platte „Du, mein wilder Geist“ von „Pathos Legal“.

Bereits das vierte Album, und dennoch ein Neustart

Es ist bereits das vierte Album des Frankfurter Duos Alexandra Becht und Berkant Özdemir, und dennoch ein Neustart. „Wir haben mit der Produktion von ‚Du, mein wilder Geist‘ viele Gewohnheitstiere losgelassen“, sagt Becht. Die Liveband aufzulösen sei kein einfacher Schritt gewesen, habe aber Berkant und sie viel näher zu ihrer Musik zurück gebracht. Zu einer Musik mit einem ungewöhnlichen Sound, die auch textlich reichlich Ecken und Kanten zum Abarbeiten aufweist. Mit einem ihrer Texte hatte Becht vor einigen Jahren einen Poetry Slam-Wettbewerb gewonnen, aber bereits dieser Text war auf Musik getrimmt. „Beim Schreiben habe ich tatsächlich schon immer an die Musik gedacht“, sagt Becht, „selbst als ich noch gar nicht selbst Musik gemacht habe.“ Da verwundert es wenig, dass auf der Slambühne in ihrem Kopf immer ein Beat mitlief. Das ging sogar soweit, dass bei einem ihrer Slamauftritte der DJ des Abends plötzlich miteinstieg und ihre Performance mit einem Beat unterlegte. „Das war ein schöner spontaner Moment“, erinnert sich Becht. Und offenbar ein deutliches Signal, ihre Texte endgültig mit Musik zu verbinden.

Starke Texte und ausgefeilte Klangwelten

Da trifft es sich gut, wenn der Partner ein begnadeter Musiker ist, der Bechts Texte nicht nur mit einem Beat unterlegt, sondern ausgefeilte, erhabene Klangwelten um sie herum errichtet. Meine anfängliche nebulöse Skepsis angesichts einer Kombination aus „Poetry Slam“ und „Pathos“ löste sich bereits beim ersten Song „Keine Kunst“ auf. Hier erklingt kein Pathos im negativen Sinne, wie es in heutigen Film- und Musikkritiken gerne verwendet wird, nämlich als übertriebene Gefühlsduselei, sondern im ursprünglichen Sinn als erhabene Leidenschaft. Leidenschaftlich und erhaben – zwei Wörter, die perfekt ausdrücken, wie Alexandra Becht ihre Texte gesanglich interpretiert. Sie hat diese Stimme, die gefühlvoll an einzelnen Wörtern entlanggleitet und zu Sätzen verbindet, die dem Hörer Raum für eigene Interpretationen lassen. Eine Stimme, die gerne einmal – wie am Ende von „Du, mein wilder Geist“ – einem Wirbelsturm gleich losbricht. Der stärkste Song gibt diesem Album zurecht seinen Namen. Nach dem letzten Ton sehnt man sich sofort an den Anfang zurück. Wer ist denn dieser wilde Geist, von dem es heißt „deine Müdigkeit ist antrainiert, das sehe ich in deinen Augen, in dir steckt eine treibende Kraft, ein Urvertrauen.“ Wahrscheinlich wird jeder etwas anderes hinter diesem wilden Geist vermuten, aber genau das macht den Reiz der Texte aus. Wie heißt es in „Keine Kunst“: „Zwischen den Zeilen steht Poesie“.

In „Am schönsten auf dem Sprung“ verbinden sich Text und Musik weniger stringent. Der Text tritt zugunsten Özdemirs aufwendigem Arrangement, das sich wie auf einer Leiter von Stufe zu Stufe immer höher schwingt, in den Hintergrund. Zwar gelingt es Özdemir die Klangbilder jeder Stufe zu verbinden, aber je höher die Stufe, desto deutlicher der Übergang, desto vernehmbarer der Bruch. Manchmal ist weniger mehr, was der fünfte und letzte Song „The Making Of Nichts“ eindrucksvoll zeigt. Hier lässt sich Özdemir von der Stimmung des starken, zielstrebigen Textes leiten, so dass dieser sich in prächtiger Fülle entfaltet.

Ecken und Kanten sind ungefiltert in die Musik übergegangen

Und dann ist schon Schluss – leider, leider. Nur fünf Songs. Dabei hätte es Songs für eine LP genug gegeben, doch Alexandra Becht und Berkant Özdemir stemmten die gesamte Produktion alleine. Von der ersten Idee bis zum Artwork ist „Pathos Legal“ eine Eigenproduktion, auch in finanzieller Hinsicht. Die beiden sehen diese Platte, diese fünf Songs, als einen Anfang, „für das was noch kommt.“ Ein ganz starker Anfang, dem man anhört, dass da zwei Musiker am Werk sind, die, wie sie selbst sagen, in sich gehorcht haben und ehrlich zu sich selbst waren: „Wir haben alle kreative Freiheit und müssen keine fremden Erwartungen erfüllen. Mit dieser Einsicht konnten wir sehr frei und glücklich unsere neuen Songs aufnehmen.“ Herzblut, Schweiß, Tränen, Energie – all das haben „Pathos Legal“ von sich investiert. Ihre Ecken und Kanten sind ungefiltert in ihre Musik übergegangen. Wie ich das beim Hören gespürt habe. Seht mich an: Seht meine blauen Flecken.

Album-Cover_Pathos-LegalAnspiel-Tipp: „The Making Of Nichts“, „Du, mein wilder Geist“
Bewertung: 4 von 5 Punkten

…und wer sich fragen sollte, ob das Coverfoto einen echten Hund unter dem weißen Laken zeigt, dem sei gesagt, dass für das Foto „Mayo Rakete“ still sitzen musste, der Hund von Alexandra Becht und Berkant Özdemir. Wer es nicht glaubt, der guckt auf YouTube nach. Hier gibt’s ein Making of vom Shooting.

www.pathoslegal.com

CDs von Pathos Legal gewinnen!

Wir freuen uns, denn wir haben drei CDs „Du, mein wilder Geist“ von Pathos Legal bekommen. Die behalten wir natürlich nicht, sondern verlosen Sie unter allen, die den Beitrag auf unserer Facebook-Seite bis 15. November 2015 kommentieren.

Unter allen Kommentaren werden die Gewinner ausgelost. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen; es besteht kein einklagbarer Anspruch auf Auszahlung der Gewinne. Wir wünschen allen viel Glück!

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Kategorie: Angehört, Musik

von

In einer Ramsch-Kiste mit Taschenbüchern wurde ich, gerade mal 10 Jahre alt, fündig. Das – wie ich im Nachhinein feststellte – inkompetenteste Film-Nachschlagewerk dieser Erde, „Das Lexikon des Science-Fiction-Films“ von Roland M. Hahn, weckte mein Interesse für bewegte Bilder. Ich „zerlas“ es völlig (und auch seine nicht weniger missratenen Nachfolger über die Genres „Fantasy“ und „Horror“). Echtes Interesse für die Pop- und Rockmusik kam dagegen erst Jahre später – mit der ersten eigenen kleinen Hifi-Anlage und der CD „The Road to Hell“ von Chris Rea.

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