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„Oldschool“ – Nenas neues Album klingt (leider) allzu beliebig

Wenn ein Porträtfoto lange genug durch Photoshop gezogen wird, kommt so etwas heraus: Eine 55-jährige Nena, die aussieht wie 30. Von wegen „oldschool“. (Foto: Alexander Huseby)

Muss schlimm sein, immer so kritisiert zu werden. So schlimm, dass Nena auf ihrem neuen Album gleich in mehreren Songs sich selbst thematisiert und dieser Blick aufs eigene Ich sich wie ein roter Faden durch „Oldschool“ zieht. Auf ein Ich, das musikalisch in den 1980er Jahren so richtig Fahrt aufnahm und dessen Wurzeln im westfälischen Hagen liegen, wo Nena unter ihrem bürgerlichen Namen Gabriele Susanne Kerner aufwuchs und erste Bühnenluft atmen durfte.

In diesem Hagen, das Anfang der 1980er Jahre deutschlandweit als „Deutsches Manchester“ bekannt wurde. „Was willst du in Brokdorf oder Kalkar, was in Hamburg oder Berlin“, so spottete auf Platte im Jahr 1981 die Hagener Gruppe „Extrabreit“ über Mode, Moral und Metropolen und gab gleich die Parole aus: „Komm‘ nach Hagen, werde Popstar, mach dein Glück.“ Einige bekannte Künstler aus dieser Zeit wie Extrabreit, die Humpe-Schwestern und eben Nena sind auch heute noch mit aktuellen Stücken „on stage“. Nena ist bis heute Hagens bekanntester Musikexport.

1982 gelang ihr der Durchbruch mit „Nur geträumt“

Der Durchbruch gelang der damals 22-jährigen am 17. August 1982, als sie im schon legendär gewordenen roten Minirock in der Sendung „Musikladen“ von Radio Bremen ihren Song „Nur geträumt“ ins Mikro hauchte. Tags darauf setzte ein schier unglaublicher Run auf die Musikgeschäfte ein. 40.000 Singles gingen mit einem Rutsch über die Ladentheken. Die zweite Single „99 Luftballons“ übertraf abermals alle Erwartungen. Nicht nur in Deutschland, sondern auch im heiß umkämpften Musikmarkt der USA katapultierte sich die Scheibe wochenlang auf Platz 1 der Charts.

Was waren wir Hagener stolz auf „unsere“ Nena, doch diese Rotzgöre hatte nichts Besseres zu tun, als in Interviews kundzutun, wie wichtig es war, aus diesem piefigen Hagen wegzukommen. Mag sein, dass wir Hagener da etwas missverstanden haben, dass wir aneinander vorbeigeredet haben, aber für viele ist das Tischtuch für immer zerschnitten. Genüsslich wurde 2007 im Vorfeld ihres Auftritts beim Hagener Seegeflüster-Open Air ihre äußerst umfangreiche Catering-Liste in der Stadt umhergereicht, auf der unter anderem kein einfaches Mineral-, sondern Mondwasser stand. Und als Nena Anfang dieses Jahres eine Clubtour im Vorfeld ihres neuen Albums ankündigte, die sie auch nach Hagen führen sollte, formierte sich sofort Protest in den sozialen Netzwerken, der in einem „Gegenkonzert“ münden sollte. In einem Interview mit der lokalen Zeitung wurde Nena zu diesem gespaltenen Verhältnis befragt. Ihre Antwort: „Ich habe kein gespaltenes Verhältnis zu meiner Heimatstadt. Hagen ist der Ort, wo ich aufgewachsen bin, da liegen meine Wurzeln – das würde ich nie in Frage stellen.“ An dieser Stelle einfach mal ein Punkt.

Nenas Stimme eignet sich so gut zum Rappen wie Tee zum Kaffeekochen

War das Konzert in Hagen doch ein großer Erfolg, innerhalb von 37 Sekunden waren die 150 Tickets weg und jene, die gekommen waren, hinterher restlos begeistert. Was vom neuen Album nicht gesagt werden kann und womit wir wieder beim ach so schlimmen Kritisieren wären. So sehr sich Nena bei vielen Liedern selbst in den Fokus stellt, so erstaunlich wenig persönlich klingen sie. Viele zu beliebige Textzeilen, viel zu banal, als das wir etwas über diese gereifte Nena erfahren würden. Der Opener des Albums „Oldschool“ mag selbstironisch gemeint sein, klingt aber wie eine Abrechnung mit ihren ewigen Nörglern: „Ich bin so oldschool, ja. Das kannst du mir glauben. Doch das, was ich hier hab, wird dir dein’ Atem rauben. So oldschool. So, so cool. N.E.N.A.“ Zudem eignet sich Nenas Stimme in etwa so gut zum Rappen wie Tee zum Kaffeekochen. Dann doch lieber die erste Single-Auskopplung „Lieder von früher“, die auch nicht gerade mit einem ausgefeilten Text glänzt, aber als gefällige, leichte Popkost daherkommt. Nichts zum intensiven Hören, aber beim Autofahren oder Fensterputzen gute Laune macht. Was hier wie in vielen weiteren Songs extrem nervt, ist der Hang zum Überproduzieren (der PR-Text nennt es „ungewohnten Beat“), den Produzent Samy Deluxe zu verantworten hat. Hier noch eine kecke Soundtüftelei, da noch eine verzerrte Stimme – manchmal ist weniger, dann doch mehr.

„Bruder“ ist der Höhepunkt des Albums

Dass es auch anders geht, zeigt das feine Stück „Bruder“. Ein Stück, bei dem sich Deluxe zurückhält und endlich einmal Nenas Stimme vertraut wird, die immer noch herrlich jung und unverbraucht klingt. Darüber hinaus lässt sie ihre Fans endlich mal etwas näher an sich heran, indem sie hier den Verlust ihres behinderten Sohnes verarbeitet. „Bruder“ ist für mich der Höhepunkt des Albums, der leider ziemlich allein da steht. Lockerflockig kommen „Ja Das Wars“, „Sonnemond“ und „Magie“ daher, während „Berufsjugendlich“ zwar wieder einen selbstironischen Abstand vermissen lässt („Bin ich alt geworden, bin ich jung geblieben? Ich mach Musik, das ist der Unterschied. Ich glaub, ich bin nicht normal!“), aber als rotzige Punknummer gepaart mit 80er Synthie-Elementen durchaus zu unterhalten weiß. Der Rest des Albums ist entweder völlig überproduziert wie „Pi Ich rechne mit allem“ und „Kreis“ oder kommt wie „Betonblick“ mit Texten daher, die ich Nena partout nicht abkaufe: „Große Mauern, kleine Chancen, arme Bettler, reiche Bonzen. Wir leben in einem Block aus Beton, und keiner hier weiß wirklich warum.“

Foto: Esther Haase

Während Nena morgens um 6 Uhr mit ihrem Hund unterwegs war, lag Produzent Deluxe im Bett. Schlechte Bedingungen, um sich mal im Studio zu treffen. Foto: Esther Haase

Samy Deluxe eindeutig der falsche Produzent

Das Fazit fällt wie die Verbindung zu ihrer Heimatstadt somit zwiespältig aus. Vielleicht hätte sich Nena lieber einen anderen Produzenten suchen sollen, gilt Samy Deluxe doch schon seit einigen Jahren als jemand, der seinen Zenit überschritten hat, was dieses Album erneut bestätigt. Vielleicht hätten sich die beiden aber auch mal mehr zur selben Zeit im Studio treffen sollen. Steht doch ernsthaft im Pressetext zum neuen Album: „Auch die Art der Zusammenarbeit war dabei ganz jetzt. ,Heute Computer, damals analoge Handarbeit,‘ wie es in ,Oldschool‘ heißt. Handarbeit ist es natürlich auch heute noch, bloß muss man nicht unbedingt die ganze Zeit im selben Raum sein, um gemeinsam neues schaffen zu können. Das wäre auch schwierig geworden, denn wenn Nena morgens um 6 aufsteht, um mit ihren Hunden in den Wald zu gehen, geht Samy oft gerade erst ins Bett.“

Nena_Oldschool_Album_coverOh je, der eine Nachteule, die andere Frühaufsteherin – das konnte ja nur schiefgehen. Ganz schiefgegangen ist es zwar nicht, aber es wäre deutlich mehr drin gewesen. Schon wieder kritisiert worden. Ist aber nicht schlimm Nena, gar nicht schlimm. Wir mögen Dich, ob mit 55, 56 oder 60 Jahren. Aber wenn wir Dich nicht nur mögen, sondern ernst nehmen sollen, dann nimm Du uns, Deine Hörer auch ernst. Mach nicht wie Madonna auf „berufsjugendlich“ und lass Dein Plattencover so lange durch Photoshop ziehen, bis Du darauf wie 30 aussiehst. Denn das bist Du nicht mehr. Beim nächsten Mal bitte mit Falten. Zumindest ein paar… Okay? Dann stimmen Bild und Text überein und sind vor allem eines: ehrlich.

Anspiel-Tipps: „Bruder“, „Berufsjugendlich“, „Magie“

Bewertung: 2,5 von 5 Punkten

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Kategorie: Angehört, Hagen, Musik, Regionales

von

In einer Ramsch-Kiste mit Taschenbüchern wurde ich, gerade mal 10 Jahre alt, fündig. Das – wie ich im Nachhinein feststellte – inkompetenteste Film-Nachschlagewerk dieser Erde, „Das Lexikon des Science-Fiction-Films“ von Roland M. Hahn, weckte mein Interesse für bewegte Bilder. Ich „zerlas“ es völlig (und auch seine nicht weniger missratenen Nachfolger über die Genres „Fantasy“ und „Horror“). Echtes Interesse für die Pop- und Rockmusik kam dagegen erst Jahre später – mit der ersten eigenen kleinen Hifi-Anlage und der CD „The Road to Hell“ von Chris Rea.

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