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‚Kaum besser als ihr‘ – Horror aus dem Sauerland

(Foto: Thorsten Hampel und Kathrin Lerch)
Im Wald fällt ein Junge der „Bissigen“ (Lydia Schulte) zum Opfer. (Foto: Torsten Hampel und Kathrin Lerch)

Ende November 2015 feiert eine außergewöhnliche Filmproduktion ihre Premiere. „Kaum besser als ihr“ ist ein Horrordrama mit sozialkritischem Einschlag, an dem unter der Regie von Hans Schulte und Nina Rosenbohm unter anderem zahlreiche Darsteller der Lüdenscheider Altstadtbühne mitwirken.

Der Streifen stellt den zweiten Teil einer Spielfilmtrilogie dar, die im Jahr 2012 mit der Veröffentlichung des Films „Kaum mehr als Tiere“ auf DVD (ebenfalls unter der Regie von Hans Schulte), startete. Die Geschichte um vier Mädchen, die jahrelang gefangen gehalten wurden und sich in ihrem Verhalten mehr und mehr dem von Tieren angeglichen haben, basiert vage auf tatsächlichen Ereignissen. Das fertige Werk wurde zunächst allen Mitwirkenden im Rahmen einer nicht öffentlichen Vorführung in den Räumen der Altstadtbühne erstmals gezeigt. Ein Filmprojekt als reine Independent-Produktion und nahezu ohne finanzielle Mittel zu realisieren, ist nicht einfach und setzt bei allen Beteiligten Durchhaltevermögen und Idealismus voraus.

Ein Teil der Darsteller und des Teams von "Kaum besser als ihr". (Foto: Björn Othlinghaus)

Ein Teil der Darsteller und des Teams von „Kaum besser als ihr“. (Foto: Björn Othlinghaus)

Der Cineast Hans Schulte träumte Zeit seines Lebens davon, eigene Filme zu drehen, und trägt deshalb diese wichtigen Eigenschaften seit seiner Kindheit in sich. Doch wie sooft im Leben kam es zunächst ganz anders, denn Schulte wollte sich keinen Illusionen hingeben, studierte Theologie und absolvierte Ausbildungen als Industriekaufmann, Tankwart und Gastronom. Später verkaufte er Matratzen für eine Filialkette, und als diese Konkurs anmeldete, machte er sich als „Matratzen Hans“ selbständig. Die Idee von eigenen Filmprojekten lies ihn jedoch niemals los, und so gründete Hans Schulte im Jahr 2010 kurzerhand mit seinem in Süddeutschland lebenden Freund Michael Fuchs die Filmproduktionsfirma „Fuchs + Schulte GbR“. Ideen für eigene Filmprojekte geisterten viele im Kopf des Horror-Fans herum, doch den entscheidenden Anstoß brachte eine Fernsehdokumentation über ein Folterhaus in Osteuropa, an das die verarmten Einwohner der Region ihre Kinder verkauften, die dort von reichen Kunden mit sadistischen Neigungen gequält und zum Teil getötet wurden.

Wie kann ein verwilderter Mensch resozialisiert werden?

„In der Dokumentation wurde unter anderem ein Mädchen gezeigt, das von dort fliehen konnte, sich jedoch wie ein Tier verhielt, weil ihr keinerlei soziales Verhalten beigebracht worden war“, erklärt Hans Schulte. Die Frage, auf welche Weise ein solcher Mensch resozialisiert und wieder in die Gesellschaft eingegliedert werden könnte, brachte den Filmfan auf die Idee zu der außergewöhnlichen Trilogie.

Der "Fromme Ehemann " (Rudolf Karg) und die "Fromme Ehefrau" (Gabriela Dierkes) halten "Langhaar" in einem Kellerverlies gefangen. (Foto: Torsten Hampel und Kathrin Lerch)

Der „Fromme Ehemann “ (Rudolf Karg) und die „Fromme Ehefrau“ (Gabriela Dierkes) halten „Die Dunkle“ in einem Kellerverlies gefangen. (Foto: Torsten Hampel und Kathrin Lerch)

Gerade im ersten Teil „Kaum mehr als Tiere“, der keinerlei nennenswerte Schock- oder Make-Up-Effekte enthielt, ging es dem Filmemacher weniger um die Horror-Aspekte der Story sondern vielmehr um die Frage, ob und wie derartig verwilderte Menschen wieder zu einem Teil der Gesellschaft werden könnten. Während der erste Teil komplett an einem einzigen Tag mit Amateurkameras abgedreht und quasi ohne nennenswertes Budget realisiert wurde, arbeitete das Team für das erste Sequel deutlich aufwändiger und professioneller. Insbesondere die Mitarbeit des professionellen Kameramanns Florian Duning aus Solingen, der nicht nur eine Profikamera besorgte, sondern sich auch als Tonmeister an der Produktion beteiligte, brachte dem Film eine deutlich verbesserte Optik und professionelle Kameraeinstellungen, die in vielen Szenen durchaus Kino-Atmosphäre aufkommen lassen.

Die Regie übernahm überwiegend Nina Rosenbohm

Ein kleines Budget von immerhin 5000 Euro erlaubte den Filmemachern – die Regie überließ Hans Schulte, der diesmal überwiegend für das Drehbuch und die Produktion verantwortlich zeichnete, in weiten Teilen Nina Rosenbohm – unter anderem die Realisierung einiger Make-Up-Effekte, die das Werk deutlich mehr als den ersten Teil auf die Horror-Schiene lenken. Ferner kommt eine visuelle wie inhaltliche Nähe zu den beiden Jack-Ketchum-Verfilmungen „Beutegier“ und „The Women“ zum Tragen, die Schulte als Inspirationsquelle nennt, ohne diese Werke freilich plagiieren zu wollen.

Jessica (Nina Rosenbohm, rechts) hat Verständnis für die Tiermädchen. (Foto: Torsten Hampel und Kathrin Lerch)

Jessica (Nina Rosenbohm, rechts) hat Verständnis für die Tiermädchen. (Foto: Torsten Hampel und Kathrin Lerch)

Weitere Parallelen finden sich zu den Hostel-Filmen von Eli Roth, und ein von Rudolf Karg und Gabriela Dierkes dargestelltes, fanatisch-religiöses Ehepaar, das fast ausschließlich mit Bibelzitaten kommuniziert, erinnert an ähnliche Charaktere in Stephen-King-Romanen. Positiv fällt darüber hinaus gegenüber vielen oft zu langen Einstellungen im ersten Teil eine deutlich straffere Dramaturgie auf, die oft zwischen verschiedenen Handlungsorten hin und herpendelt und hierdurch für mehr Spannung und Dynamik sorgt.

Die Darsteller können ihr ausgiebig Talent unter Beweis stellen

Auch die semiprofessionellen Schauspieler, die zum Teil der „Lüdenscheider Altstadtbühne“ angehören und dort teilweise über Jahre Schauspielerfahrung sammeln konnten, haben in dieser Produktion mehr Möglichkeiten, zu zeigen, was sie können. Neben den Darstellerinnen der vier Tiermädchen, die für ihre Rollen nicht nur mimisch, sondern auch pantomimisch und körperlich einiges leisten müssen, können insbesondere die „bösen“ Charaktere überzeugen, allen voran Ingo Löwen als Sadist mit dem schönen Namen „Hagen von Hoffwaltz“. In seiner dankbaren Rolle kann sich Löwen nach Herzenslust austoben. Die außergewöhnliche, oft psychedelische Filmmusik der österreichischen Band „Pain Before Silence“ trägt ebenfalls sehr zum Gelingen der Independent-Produktion bei. Neben den vielen positiven Aspekten, insbesondere im Vergleich zum ersten Teil, gibt es aber durchaus auch Kritikpunkte. Die extreme Häufung wirklich schlimmer Finger auf engstem Raum – es gibt unter anderem Sadisten und Snuff-Film-Produzenten, religiöse Fanatiker und einen durchgeknallten Jäger – die den armen Tiermädchen hier zusetzen, lässt doch stark hoffen, dass das Sauerland im Großen und Ganzen über etwas umgänglichere Einwohner verfügt.

Ein fanatisch-religiöses Ehepaar möchte "Langhaar" (Polyanna Move) mit Gewalt zum rechten Glauben führen. (Foto: Torsten Hampel und Kathrin Lerch)

Ein fanatisch-religiöses Ehepaar möchte „Die Dunkle“ (Katharina Michalenko) mit Gewalt zum rechten Glauben führen. (Foto: Torsten Hampel und Kathrin Lerch)

Darüber hinaus ist die Inszenierung der gezeigten Mordszenen von unterschiedlicher Qualität. Die Ermordung eines Jungen durch „die Bissige“ zu Beginn geht doch im Ganzen reichlich ruhig vonstatten – ein Mensch würde tatsächlich wohl wie am Spieß schreien, wenn ihm jemand Fleischstücke aus dem Körper beißt. Deutlich besser wirkt dagegen die finale Splatter-Szene, bei der für die „Gorehounds“ im Publikum noch einmal reichlich Blut spritzt. Die Veröffentlichung des dritten und letzten Teils der Reihe, der bereits zur Hälfte im Zuge der Dreharbeiten zu Teil 2 fertiggestellt wurde, wird voraussichtlich im kommenden Jahr erfolgen. Die öffentliche Premiere von „Kaum besser als ihr“ findet am Samstag, 28. November, ab 20 Uhr im Kino „City Lichtspiele“ in Meinerzhagen statt. Außerdem wird der Film am Sonntag, 6. Dezember 2015, auf der Filmbörse Köln aufgeführt.

Bewertung (unter Gesichtspunkten eines Independent-Films)
3,5 von 5 Punkten

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Kategorie: Angeguckt, Film & TV, Hinterfragt, Märkischer Kreis, Regionales

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In einer Ramsch-Kiste mit Taschenbüchern wurde ich, gerade mal 10 Jahre alt, fündig. Das – wie ich im Nachhinein feststellte – inkompetenteste Film-Nachschlagewerk dieser Erde, „Das Lexikon des Science-Fiction-Films“ von Roland M. Hahn, weckte mein Interesse für bewegte Bilder. Ich „zerlas“ es völlig (und auch seine nicht weniger missratenen Nachfolger über die Genres „Fantasy“ und „Horror“). Echtes Interesse für die Pop- und Rockmusik kam dagegen erst Jahre später – mit der ersten eigenen kleinen Hifi-Anlage und der CD „The Road to Hell“ von Chris Rea.

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