Angehört, Musik
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„Laing“ legen mit „Wechselt die Beleuchtung“ ihr zweites Album vor

(Foto: Max Parovsky)
Die Berliner Formation Laing legt ein neues Album vor (Foto: Max Parovsky)

Schon mit ihrem im letzten Jahr erschienenen Debüt-Album „Paradies Naiv“ setzten „Laing“ unter Federführung von Leadsängerin, Songwriterin und Produzentin Nicola Rost ein vor Spritzigkeit und Kreativität sprühendes Ausrufezeichen in die größtenteils gleichförmige Landschaft deutschsprachiger Popmusik. Neben „Laings“ vitaler Mischung aus Pop, Elektro und R’n’B, gepaart mit cleveren Texten, wirken andere Vertreter germanischer Populärmusik wie Tim Bendzko oder Andreas Bourani oft uninspiriert, konfektioniert und schlicht langweilig. Die Combo, die heute neben Mastermind Nicola Rost, Sängerin Johanna Marschall sowie Tänzerin und Choreographin Marisa Akeny zusätzlich mit Neuzugang Larissa Pesch aufwartet, würzt ihre Konzerte zusätzlich mit ungewöhnlichen Performances, die sich in Teilen auch in ihren Videos widerspiegeln.

Wenn die Sängerinnen zu „Maschinell“ aus ihrem Debütalbum auf der Bühne die unnahbaren Maschinen-Schönheiten geben oder im Video zu „Morgens immer müde“ mit rollenden Stehlampen durch die voll besetzte Berliner U-Bahn marschieren (das sehenswerte Video wurde spontan mit echten U-Bahn-Passagieren ohne Komparsen gedreht, was allein schon eine kleine Meisterleistung darstellt), könnte man sie ohne weiteres als die unbeschwerten, humorvollen Kinder der Elektro-Revolutionäre von „Kraftwerk“ einstufen. Nach dem gelungenen Erstling war es deshalb umso schwerer, einen würdigen Nachfolger auf den Weg zu bringen, doch „Wechselt die Beleuchtung“ kann ähnliche Qualitäten vorweisen.

Auch im neuen Album gibt es das Cover einer 60er-Jahre-Schnulze

Das Grundgerüst ist freilich in weiten Teilen dasselbe geblieben wie beim Debüt-Album. Zwei oder drei zwar nicht gänzlich mainstreamige, aber dennoch radiotaugliche Stücke („Safari“, „Natascha“) wechseln sich mit minimalistischen, sprachliche Kapriolen schlagenden und sparsam elektronisch instrumentierten Sprechgesangspassagen ab. Darüber hinaus ist auch diesmal wieder – nach „Ich bin morgens immer Müde“ von Trude Herr auf „Paradies Naiv“ – ein originelles Cover einer 60er-Jahre-Schnulze („Sei doch bitte wieder gut“ von Heintje) enthalten, wobei allerdings nur der Refrain inmitten der Sprechpassagen übrig geblieben ist.

Auf dem Weg nach ganz oben: Laing (Foto: Max Parovsky)

Auf dem Weg nach ganz oben: Laing (Foto: Max Parovsky)

Als Entschuldigung dafür, das letzte Dope weggequalmt zu haben, mit dem besten Kumpel fremd gegangen zu sein, den Teppich versaut und die geliehenen 20 Riesen verprasst zu haben, legt die Sängerin mit einem Augenzwinkern, ein wenig Sympathie für deutsche Nachkriegs-Schmonzetten und viel Zynismus die naive Verlogenheit des Heintje-Tränendrückers offen.

Die thematische Vielfalt ist groß

Ein großer Vorteil von „Wechsel die Beleuchtung“ ist wie beim Vorgänger die thematische Vielfalt der 12 enthaltenen Songs. Der Titeltrack dreht sich um die Notwendigkeit, Situationen und Menschen bisweilen aus einem anderen Blickwinkel zu beurteilen, während bei „Safari“ die bunte Gesellschaft, die dem Nachtschwärmer bei einem nächtlichen Großstadttrip begegnet, fabulös mit den Charakteristika bestimmter Tiere gleichgesetzt wird. In „Natascha“, einem der besten Songs des Albums, erzählt Nicola Rost im charakteristischen Sprechgesang die Story einer eher schüchternen Frau, die am liebsten im Moloch der Stadt versinken möchte, aber unglücklicher Weise einem Nacktmodell zum Verwechseln ähnlich sieht und von allen „erkannt“ wird.

Eingerahmt wird das ganze von einem eingängigen Refrain, der dem pfiffigen 3-Minuten-Stück sicher auch einigen Radio-Airplay bescheren könnte. Die Unfähigkeit des modernen Menschen, Tacheles zu reden und der Zwang, sich stets ein Hintertürchen offen zu halten, thematisiert der Song „Punkt, Punkt, Punkt“, während die Oberflächlichkeit, die im aktuellen Fitnesswahn und dem trainieren im Grunde nutzloser Muskeln stecken kann, in „Zeig Deine Muskeln“ humorvoll offengelegt wird.

Das Allerweltsthema „Liebe“ fehlt fast völlig

Ganz allgemein fällt angenehm auf, dass „Laing“ bei ihrem zweiten Longplayer zwar nicht auf ein buntes Panoptikum zwischenmenschlicher Irrungen und Wirrungen, wohl aber auf das musikalische Allerweltsthema „Liebe“ praktisch komplett verzichten. Das macht das Vergnügen, dieses Album (und auch die Vorgängerscheibe) zu hören, umso perfekter.

Albumcover (Foto: Universal)

Albumcover (Foto: Universal)

Neben dem Album können die Fans die Band auch live erleben, und zwar im Rahmen einer kleinen, aber feinen Tour durch fünf bestuhlte Theaterhäuser. Leider sind die guten Plätze inzwischen bereits vergeben, so dass all jene, die bis jetzt noch nicht zugeschlagen haben, noch auf eine eventuelle größere Tour hoffen können. „Wechselt die Beleuchtung“ sollte sich jedenfalls keiner, der auf intelligente und pfiffige Pop-Musik aus Deutschland steht, entgehen lassen.

Anspieltipps: „Natascha“, „Safari“
Bewertung: 4,5 von 5 Punkten

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Kategorie: Angehört, Musik

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In einer Ramsch-Kiste mit Taschenbüchern wurde ich, gerade mal 10 Jahre alt, fündig. Das – wie ich im Nachhinein feststellte – inkompetenteste Film-Nachschlagewerk dieser Erde, „Das Lexikon des Science-Fiction-Films“ von Roland M. Hahn, weckte mein Interesse für bewegte Bilder. Ich „zerlas“ es völlig (und auch seine nicht weniger missratenen Nachfolger über die Genres „Fantasy“ und „Horror“). Echtes Interesse für die Pop- und Rockmusik kam dagegen erst Jahre später – mit der ersten eigenen kleinen Hifi-Anlage und der CD „The Road to Hell“ von Chris Rea.

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