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The Green Inferno – Der Hölle kannst du nicht entfliehen

(Foto: Constantin Film)
„Ihr erstickt an mir, ich schwör’s euch!“ Essenszeit in „The Green Inferno“. (Foto: Constantin Film)

Zehn Jahre ist es her, dass Eli Roth mit dem düsteren und rundum sehenswerten Torture-Porn-Streifen „Hostel“ einen veritablen Kino-Erfolg landete. Seitdem fungierte er zwar sehr oft als Darsteller oder Produzent in verschiedenen Produktionen (darunter als einer der Nazi-Jäger in Tarantinos „Inglorious Bastards“), als Regisseur konnte man allerdings nur die schwache Hostel-Fortsetzung von ihm sehen.

„The Green Inferno – Der Hölle kannst du nicht entfliehen“ ist Roths vierte abendfüllende Regiearbeit. Es handelt sich dabei um eine Hommage an den italienischen Kannibalenfilm der 70er und 80er Jahre, wobei der bekannteste Streifen dieser filmischen Modewelle, „Cannibal Holocaust“ von Ruggero Deodato, auch an einigen Stellen von Roth zitiert wird.

Horror-Meister Eli Roth, hier bei der Premiere zu "Inglorious Bastards" im August 2009, hat wieder zugeschlagen. (Foto: Bev Moser)

Horror-Meister Eli Roth, hier bei der Premiere zu „Inglorious Bastards“ im August 2009, hat wieder zugeschlagen. (Foto: Bev Moser)

Währen allerdings nicht die expliziten, insbesondere in einer zentralen Sequenz extrem schockierenden Gore-Sequenzen, mit dehnen der Regisseur zumindest in der zweiten Filmhälfte nicht geizt, könnte man „The Green Inferno“ für einen reinen – unter dem Strich nicht sonderlich originellen – Abenteuerfilm halten. Die Exposition ist typisch amerikanisch und war in ähnlicher Form bereits in unzähligen Teenie-Horror-Filmen zu sehen. Relativ langwierig stellt Roth eine Gruppe Studenten vor, die der Zuschauer eine Weile durch ihren Alltag an einer New Yorker Uni begleitet und die von einem charismatischen Umweltschützer dazu überredet werden, durch eine Demo-Aktion im Peruanischen Dschungel einen dort lebenden Eingeborenenstamm vor der Ausrottung durch ein gewissenloses Unternehmen zu bewahren. Zwar sieht es zunächst so aus, als ob die Protestaktion zu einem Erfolg wird, doch als das klapprige Flugzeug der Truppe auf dem Rückweg über dem Dschungel abstürzt, fallen die jungen Aktivisten genau jenem Stamm in die Hände, den sie eigentlich retten wollten.

Roth scheitert mit seinem Kannibalen-Schocker

Als einer ihrer Freunde vor ihren Augen, begleitet von archaischen Ritualen, bei lebendigem Leibe zerstückelt und verzehrt wird, begreift die Gruppe die Ausweglosigkeit ihrer Lage. Kurioser Weise scheinen die langsam vorrückenden Söldner und Bulldozer jenes Unternehmens, das sie ursprünglich mit ihren Protestaktionen bekämpfen wollten, ihre letzte Chance auf Rettung zu sein.

Das Foto täuscht: Jack Sparrow spielt in "The Green Inferno" nicht mit. (Foto: Constantin Film)

Das Foto täuscht: Jack Sparrow spielt in „The Green Inferno“ nicht mit. (Foto: Constantin Film)

Letztendlich scheitert Roth’s Kannibalen-Schocker an zwei Dingen. Einerseits kann man dem Regisseur generell vorwerfen, an vielen unterschiedlichen Punkten zu unentschlossen und wankelmütig an sein Projekt herangegangen zu sein. Die Vermutung liegt nahe, dass dem Horror-Spezialisten die Geldgeber im Nacken gesessen haben, die vielleicht begrenzte Vermarktungsmöglichkeiten für einen zu nah an trashigen, italienischen Billigproduktionen angelehnten Streifen befürchtet haben (und angesichts des mäßigen Medieninteresses, dass der hierzulande zwei Jahre nach der Fertigstellung vermarktete Film erfahren hat, wohl auch gar nicht so unrecht gehabt haben dürften).

Grundsätzlich wie eine konventionelle Hollywood-Produktion inszeniert, sorgen die für Gorehounds sicherlich exzellent gemachten, für normale Kino-Gänger jedoch abstoßenden Zerstückelungs- und Kannibalismus-Exzesse für Magengrimmen. Obwohl die Handlung im Grunde ernst gehalten ist und – ähnlich wie die italienischen Vorbilder – eine scheinheilige Öko-Botschaft vor sich herträgt, gibt es immer wieder Szenen, die ins Klamaukhafte abgleiten, wobei die mal mehr, mal weniger gelungenen Witzchen nicht selten auf Kosten des Kannibalenstammes gehen. Dass die Eingeborenen stellenweise recht ungeniert der Lächerlichkeit preisgegeben werden, ist in mehrfacher Hinsicht schade, hatten Roth und sein Team doch einen echten Eingeborenenstamm für die Dreharbeiten aufgesucht, dessen Gastfreundschaft und offene Art gegenüber dem Filmteam der Regisseur in den (spärlichen) Extras der DVD ausdrücklich lobt. Zwar wird in Roths Film dessen ehrliches Bemühen spürbar, die Eingeborenen nicht als homogene Masse von Barbaren, sondern als echte Individuen mit speziellen Charaktereigenschaften zu inszenieren.

Billige Lacher

Doch wenn die Gefangenen dem Stamm eine Menge Gras unterjubeln, das diese zu einer albernen Horde mutieren lässt, die fasziniert herabhängende Leichenteile anstubsen oder sich nicht mehr auf den Ästen der Bäume halten können, ist das für ein paar billige Lacher gut, hinterlässt aber einen unangenehmen und peinlich-berührten Beigeschmack.

Auf dem Rückweg stürzen die Aktivisten im Dschungel ab. (Foto: Constantin Film)

Auf dem Rückweg stürzen die Aktivisten im Dschungel ab. (Foto: Constantin Film)

Dass die Kannibalen aufgrund des exzessiven Dope-Konsum einen „Fress-Flash“ bekommen, was einem Gefangenen verständlicher Weise nicht sehr gut bekommt, ist dann wieder eine durchaus witzige, garstige Idee – dennoch sind solche Szenen inmitten der brutalen, ausweglosen Grundstimmung, die immer wieder treffend erzeugt wird, reichlich fehl am Platz, sollten aber wohl die Wirkung der ins Mark treffenden Gore-Szenen ein wenig abschwächen. Ferner stehen Roth seine viel zu hoch gegriffenen Ambitionen im Weg.

Roth nennt große Vorbilder

Zwar nennt er Streifen wie „Cannibal Holocaust“ oder „Cannibal Ferrox“ als Vorbilder, erwähnt aber auch, dass er bei „The Green Inferno“ einen Look schaffen wolle, der an Werner Herzog oder Terrence Malick erinnert. Diese Schuhe sind Eli Roth jedoch mindestens eine Nummer zu groß, zumal der schmutzige, handwerklich extrem schludrige Doku-Look der Italo-Exploitation-Streifen mit der wohl durchkomponierten Optik von Herzog und Malick kaum eine überzeugende Liaison eingehen kann. Seien wir ehrlich: Den Filmemachern aus dem Land, wo die Zitronen blühen, ging es mitnichten darum, künstlerische Ideen zu verwirklichen, sondern mit zügig heruntergekurbelten und skandalträchtigen Brutalitäten und Sex aufgepeppten Filmchen schnell und effektiv Kasse zu machen.

Eine beschauliche Fluss-Kreuzfahrt gibt's nur am Anfang. (Foto: Constantin Film)

Eine beschauliche Fluss-Kreuzfahrt gibt’s nur am Anfang. (Foto: Constantin Film)

Sozusagen als Kompromiss aus beiden filmischen Welten – auch beim Look konnte sich Eli Roth nicht für die eine oder andere Möglichkeit entscheiden – wählt er hollywoodmäßig ausgearbeitete Einstellungen, die in eine zeitweise etwas steril wirkende Optik gekleidet sind. Eine authentische Doku-Atmosphäre kommt dabei ebenso wenig auf wie auf der anderen Seite die eigentlich spektakulär gefilmte Natur des peruanischen Dschungels immer adäquat zur Geltung kommt.

Geschmacklosigkeiten, zahm präsentiert

Ebenfalls sauer stoßen schließlich die gelegentlichen Versuche Roths auf, seinem Ruf als Skandalnudel des Genre-Kinos mit Geschmacklosigkeiten sexueller Natur gerecht zu werden. Diese Sequenzen, auf die ich nicht näher eingehen möchte, werden allerdings so amerikanisch-verschämt inszeniert, dass man sich an ein Kind erinnert fühlt, das bei einem schmutzigen Witz rot anläuft und das Gesicht in den Händen verbirgt, weil es sich schon beim Erzählen der Peinlichkeit desselben bewusst ist.

Die Aktivisten wollen mit Protestaktionen auf die Ausrottung des Naturvolkes aufmerksam machen. (Foto: Constantin Film)

Die Aktivisten wollen mit Protestaktionen auf die Ausrottung des Naturvolkes aufmerksam machen. (Foto: Constantin Film)

Auf der Habenseite kann der Film inmitten des weitgehend unbekannten Casts die chilenische Hauptdarstellerin Lorenza Izzo verbuchen, die aus ihrem nicht sehr ergiebigen Part als Sympathieträgerin und Heldin, mit der der Zuschauer mitfiebern kann, das allerbeste macht und von der man hoffentlich, auch nach einem sehr wahrscheinlichen kommerziellen Reinfall dieses Streifens, noch einiges mehr hören wird. Fazit: „The Green Inferno“ ist weder Fisch noch Fleisch und dadurch weiß im Grunde niemand, welche Zielgruppe hier überhaupt angesprochen werden soll.

Green InfernoInzwischen hat Eli Roth seinen fünften Film, den Erotik-Thriller „Knock Knock“ (ebenfalls mit Lorenza Izzo), inszeniert. Vielleicht handelt es sich hierbei ja um eine leichter verdauliche Mahlzeit.

Bewertung 2 von 5 Sternen

The Green Inferno – Der Hölle kannst Du nicht entfliehen
USA 2015

Dt. Heimkinostart 3. März 2016
Länge 97 Minuten
Regie Eli Roth
Darsteller Lorenza Izzo, Ariel Levy, Daryl Sabara, Kirby Bliss Blanton u.a.
Sprache Deutsch, Englisch DD 5.1 (DVD); Deutsch Stereo
FSK 18

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In einer Ramsch-Kiste mit Taschenbüchern wurde ich, gerade mal 10 Jahre alt, fündig. Das – wie ich im Nachhinein feststellte – inkompetenteste Film-Nachschlagewerk dieser Erde, „Das Lexikon des Science-Fiction-Films“ von Roland M. Hahn, weckte mein Interesse für bewegte Bilder. Ich „zerlas“ es völlig (und auch seine nicht weniger missratenen Nachfolger über die Genres „Fantasy“ und „Horror“). Echtes Interesse für die Pop- und Rockmusik kam dagegen erst Jahre später – mit der ersten eigenen kleinen Hifi-Anlage und der CD „The Road to Hell“ von Chris Rea.

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