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Über mäßiges Kulturverständnis und das Wegmobben einer Intendantin

(Foto: Björn Othlinghaus)
Rebecca Egeling, Intendantin des Kulturhauses in Lüdenscheid, wollte unter anderem freies Theater ins Programm integrieren. (Foto: Björn Othlinghaus)

Jetzt sitze ich mitten in der Nacht um zwei Uhr vor meinem Computer und habe das Bedürfnis, mich mal über ein aktuelles Lüdenscheider Thema auszukotzen, auch wenn ich damit vielleicht bei dem einen oder anderen anecke (was ich eigentlich nur ungern tue).

Es ist nur die Privatmeinung von jemandem, der eher am Rande Teil des hiesigen Kulturbetriebes ist, und die über einen Blog mit bescheidener Reichweite verbreitet wird, deshalb wird sie vermutlich nur wenige erreichen, sollte also für niemanden ein Grund für überhöhten Puls sein ;-). Wer in der „Stadt des Lichts“ Kunst, egal welcher Richtung, einführen, etablieren oder fortführen will, die über den Tellerrand hinausschaut, die zumindest ansatzweise den Duft der großen, weiten Kulturwelt atmet und vielleicht das Zeug hat, über die provinzielle Filterblase hinaus auch nur minimal wahrgenommen zu werden, hatte es seit jeher schwer in dieser Stadt (obwohl es inzwischen auch einige tolle Ansätze wie die leider viel zu selten stattfindenden Lichtrouten, die Home-Ausstellung im Geschichtsmuseum oder das Schrottreif-Festival gibt und gab).

„Das ist doch keine Kunst!“

Ich kann mich noch sehr gut an meinen Opa erinnern, der sich, ich glaube irgendwann in den 80er oder 90er Jahren, über „diesen Künstler“ aufregte, der im Kulturhauspark „zwei dünne Baumstämme mit rostigem Draht umwickelte.“ „Das ist doch keine Kunst“, sagte mein Opa, und empörte sich darüber, dass er auf seine Nachfrage, was das denn nun zu bedeuten habe, vom Künstler die Antwort bekam, der Betrachter müsse sich selber etwas dabei denken. Mein Opa war und ist in Lüdenscheid gewiss kein Einzelfall. Skandalös waren und sind für viele noch immer die legendären „zerdrückten Blechdosen“ von Ansgar Nierhoff (heute im Kulturhauspark und Jahrzehnte nach ihrer Entstehung im Jahr 1974 noch immer Thema), „Die Bretter“ von Horst Lerche, sowie die Werke weiterer nicht unbekannter Künstler wie Joseph Beuys oder aktuell sicher auch der beiden Kunst-Shooting-Stars Alex Grein und Julia Gruner, die in der Städtischen Galerie, oft ausschließlich beachtet von den rührigen Kunstfreunden Lüdenscheid sowie einigen unentwegten Kunstliebhabern, ihr Dasein fristen. Als 2011 einer der weltweit bekanntesten Pop-Art-Künstler, James Rizzi, die Galerie Schmidt besuchte, rechnete ich mit einem Verkehrschaos und Leuten, die an der Tür wegen Überfüllung abgewiesen werden müssen. Doch weit gefehlt! Die Resonanz der Lüdenscheider Bevölkerung auf die Ausstellung mit diesem leider inzwischen verstorbenen Weltstar der Kunstszene war akzeptabel, aber für einen Künstler dieses Kalibers, zumindest aus meiner Sicht, eher traurig. Aber so ist das eben oft in Lüdenscheid.

Szene aus dem Stück "Romantic Afternoon", ein Beispiel für freies Theater. (Foto: Florian Krauss)

Szene aus dem Stück „Romantic Afternoon“, ein Beispiel für freies Theater. (Foto: Florian Krauss)

In den letzten Monaten bekam nun die Leiterin und Intendantin des Lüdenscheider Kulturhauses die mangelnde Affinität mancher Lüdenscheider zu (moderner) Kunst und Kultur zu spüren.Von den ständigen Anfeindungen gewisser Lokalpolitiker, den garstigen Leserbriefen und Kommentaren von Bürgern, die nicht selten wenig Ahnung vermuten ließen oder einfach nur gern ins gleiche Horn stießen wie die politischen Platzhirsche, die die Frau offensichtlich nur als Sündenbock für alles und jedes, was im Kulturhaus schief läuft, missbrauchen wollen, hatte Rebecca Egeling – verständlicher Weise – die Nase voll. Die 38-jährige, die im letzten Jahr mit viel Enthusiasmus unter anderem angetreten war, das Kulturhausprogramm um interessante Produktionen des freien Theaters zu erweitern, hat sich zumindest ansatzweise anderweitig orientiert und eine halbe Stelle im Remscheider Teo Otto Theater angenommen, in dem sie sich vermutlich größere kreative Entfaltungsmöglichkeiten und mehr Verständnis für ihre Ideen erhofft. Im Oktober vergangenen Jahres habe ich sehr lange mit Rebecca Egeling gesprochen, die keinesfalls vorhat oder -hatte, das komplette Kulturhausprogramm völlig von innen nach außen zu kehren. Es geht ihr darum, neben den Standards, dem Boulevardtheater, der Comedy, den Sinfoniekonzerten, den Musical-Events, mit anderen Worten der konservativen, bodenständigen, um nicht zu sagen manchmal auch ein wenig abgehangenen Kost, die jedoch viele Besucher mögen, auch etwas neues, den viel beschworenen „frischen Wind“, in das Kulturhausprogramm zu bringen.

Parteipolitisch motivierter Druck

Dass es ein kreativer Kopf mit dem Willen, etwas zum positiven hin zu verändern, in einer provinziellen Umgebung schwer haben würde, war abzusehen, dass die Frau jedoch einem solchen, parteipolitisch motivierten Druck ausgesetzt wird, hätte ich nicht für möglich gehalten. Die Art und Weise, wie mit der Kulturhausleiterin von mancher Seite umgegangen wurde, empfinde ich als unwürdig und peinlich für diese Stadt, ganz zu schweigen von den Folgen für das Kulturhaus, das ja ohnehin manche am liebsten als besseres Vereinsheim sähen, in dem Mutti Pilates macht und wo höchstens noch ab und an mal ein Stück gespielt wird. Dabei gilt dann, wie es scheint, grundsätzlich: jenseits von heiteren Boulevardstücken mit altbekannten Fernsehgesichtern ist kein Theater, genauso wenig wie bildende Kunst ist, wo keine schmuck gemalten Bäumchen, Häuschen und Blümchen sind. Vielleicht hätte Frau Egeling viel für das Kulturhaus erreichen können, wenn man sie doch erst einmal in Ruhe hätte ihre Arbeit machen lassen, ohne bei den geringsten Schwierigkeiten und Fehlern, die sicher jeder Mensch macht, gleich unkontrolliert auf der Frau herumzuhacken. Möglicherweise hat es seine Gründe, dass zunächst ihr Vorgänger nach immerhin 14 Jahren dem Kulturhaus den Rücken gekehrt hat, und nun Rebecca Egeling ebenfalls einen Schritt in diese Richtung unternimmt, jedoch zumindest mit dem Angebot, die Kulturhausleitung in Form einer halben Stelle weiterzuführen.

Künstlerisch-kreativer Bereich wichtiger als „Papierkram“

Vielleicht wissen die Remscheider ja um ihre Qualitäten. Die liegen, wie alle von vornherein wussten, überwiegend im künstlerisch-kreativen Bereich und weniger im, flapsig ausgedrückt, „Papierkram“. Der ist selbstverständlich auch wichtig, darf aber bei einem Ort der Kunst und Kreativität – so sehe ich das zumindest – einen deutlich geringeren Stellenwert einnehmen. Sollte die Kulturhausleiterin nun vollends weggemobbt werden, bin ich gespannt, ob sich angesichts der Querelen der letzten Monate überhaupt noch ein geeigneter Interessent für diesen Posten findet, der sich das „Theater“ ans Bein binden will. Ich bin seit 20 Jahren immer wieder beruflich und manchmal auch privat im Kulturhaus, liebe diesen Ort und fände es schade, wenn er eines Tages seine Pforten schließen müsste oder seiner eigentlichen Bestimmung beraubt würde. Eine Stadt stirbt proportional zu den Kultureinrichtungen, die geschlossen oder zweckentfremdet werden. Deshalb würde ich mir von vielen Lüdenscheider Bürgern und manchem Politiker ein toleranteres Kulturverständnis, auch jenseits der ausgetretenen Pfade, wünschen, sowie mehr Respekt vor Menschen, die auf kreative Weise etwas zum positiven hin verändern wollen.

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In einer Ramsch-Kiste mit Taschenbüchern wurde ich, gerade mal 10 Jahre alt, fündig. Das – wie ich im Nachhinein feststellte – inkompetenteste Film-Nachschlagewerk dieser Erde, „Das Lexikon des Science-Fiction-Films“ von Roland M. Hahn, weckte mein Interesse für bewegte Bilder. Ich „zerlas“ es völlig (und auch seine nicht weniger missratenen Nachfolger über die Genres „Fantasy“ und „Horror“). Echtes Interesse für die Pop- und Rockmusik kam dagegen erst Jahre später – mit der ersten eigenen kleinen Hifi-Anlage und der CD „The Road to Hell“ von Chris Rea.

2 Kommentare

  1. Bellis Klee Rosenthal sagt

    Danke für diesen freimütigen Artikel, Björn! Ja, es kann einen schon traurig machen, wie „gutbürgerlich“ die Theaterkultur in LS rüberkommt… R.E.s Kulturhausprogramm sprüht doch vor Einfällen, da hat man doch spontan Lust, die ganze Zeit reinzugehen, vor allem mit Kindern und Jugendlichen. Und die wollten wir doch, sollte man meinen, motivieren für das, was hierzulande als Kultur gilt. Sonst sitzen bald nur noch wir Grauköpfe in den erlauchten ansteigenden Reihen – wogegen gar nichts zu sagen wäre, außer, dass wir per natürliche Auslese immer weniger werden… Und dann kommt es auf die nächsten Generationen an und zu, Bildung und Freude am (Theater)Spiel zu vermitteln, die doch laut Schiller u.a. der Ausdruck von Humanismus sind… Aber vielleicht liegt es einfach daran, dass hier einige Leute nicht über ihren sauerländischen Tellerrand blicken.

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