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(Foto: Björn Othlinghaus)

Musiker Artur Tadevosyan: „Arzach ist ein Pulverfass, aber die Welt ignoriert uns!“

Artur Tadevosyan bei Proben mit der John Porno Band. (Foto: Björn Othlinghaus)

Der in der Lüdenscheider Kulturszene bestens bekannte und vernetzte Musiker Artur Tadevosyan hat armenische Wurzeln, ist jedoch bereits seit einigen Jahren deutscher Staatsbürger.

1995 flüchtete er gemeinsam mit seinen Eltern aus seinem Heimatland zunächst nach Polen, zwei Jahre später kamen die drei dann in die Bergstadt. Dort ist er inzwischen bestens bekannt, unter anderem als Gitarrist in der regional erfolgreichen John Porno Band, mit der er viele Jahre lang als festes Bandmitglied zahlreiche Live-Auftritt in der Region und darüber hinaus bestritten hat. Derzeit hält sich Artur Tadevosyan jedoch bei seinen Eltern auf, die inzwischen wieder in seiner Geburtsstadt Jerewan, der Hauptstadt Armeniens, leben. Seit Jahrzehnten schwelen Konflikte zwischen Armenien und Aserbaidschan um das Gebiet Bergkarabach, auf dem die Armenier im Jahr 2017 die Republik Arzach gründeten. Die internationale Haltung sowie die der UN ist, dass Bergkarabach völkerrechtlich ein Teil von Aserbaidschan ist, doch die Armenier, die das Gebiet überwiegend bewohnen, beanspruchen es mit Argumenten, die in der Historie begründet liegen, für sich. Seit dem Bergkarabach-Konflikt im Jahr 1994 ist die Region de facto selbständig – ein Zustand, den Aserbaidschan jedoch bestreitet.

Artur Tadevosyan hat sich längst in Lüdenscheid und darüber hinaus einen Namen als Gitarrist gemacht. (Foto: Bernd Manthey)

Artur Tadevosyan hat sich längst in Lüdenscheid und darüber hinaus einen Namen als Gitarrist gemacht. (Foto: Bernd Manthey)

Inzwischen schwelt seit gut einem Monat wieder ein kriegerischer Konflikt zwischen Armenien auf der einen und Aserbaidschan auf der anderen Seite, wobei Aserbaidschan von der Türkei sowie Jihadisten aus Syrien Unterstützung mit modernstem Kriegsgerät und Waffen erhält. Artur Tadevosyan geht der kriegerische Konflikt in seinem Heimatland, den er derzeit hautnah miterlebt, obwohl sein Wohnort einige hundert Kilometer Luftlinie vom Kriegsgebiet entfernt liegt, sehr nahe, wobei auch die Angst, dass sich der Konflikt auf seine Heimatstadt ausweitet, stets mitschwingt. Gleichzeitig hat Tadevosyan jedoch auch Angst, nach Deutschland zurückzukehren – zu groß sei derzeit die Gefahr, als Armenier in Europa das Ziel von Anschlägen zu werden. So kam es zum Beispiel unter anderem im Juli 2020, als ebenfalls heftige Gefechte an der Grenze zwischen Armenien und Aserbaidschan stattfanden, zu mehreren Anschlägen auf Armenier in Deutschland. Bereits seit längerer Zeit versucht Artur Tadevosyan, über die sozialen Medien auf die Kriegssituation in seinem Heimatland aufmerksam zu machen, hat jedoch das Gefühl, für sein Anliegen kaum Gehör zu finden. Zu sehr sind die Menschen in Deutschland mit der Corona-Pandemie beschäftigt, zu sehr überwiegt der Eindruck, das auf Facebook und Co. oft banalere Dinge eine größere Aufmerksamkeit generieren als ein Krieg, der vielen zu weit weg und außerhalb ihrer Realität erscheint. Doch Artur Tadevosyans Schicksal ist eben nicht nur „weit weg“, sondern auch ganz nah, denn er ist nicht nur deutscher Staatsbürger, sondern längst auch Lüdenscheider und ein in der Bergstadt integrierter, etablierter und beliebter Künstler. Grund genug für Björn, mit ihm hier auf Worteffekte über seine Situation zu sprechen und ihn im nachfolgenden Interview ausführlich zu Wort kommen zu lassen.


Die einzige Musik, die ich im Moment machen könnte, wäre Death Metal!“ Ein Gespräch mit dem Musiker Artur Tadevosyan

Artur, unter welchen Umständen bist du nach Lüdenscheid gekommen und seit wann lebst du in Deutschland?

Artur Tadevosyan: 1995 bin ich mit meinen Eltern vor demselben Konflikt, der jetzt wieder in Arzach entfacht ist, geflüchtet. Nach zwei Jahren in Polen sind wir 1997 über die grüne Grenze nach Deutschland gekommen. Ich war zunächst ein illegaler Einwanderer mit einer Duldung, bin aber inzwischen deutscher Staatsbürger.

Der Gitarrist am Bahnhof in Brügge. (Foto: Bernd Manthey)

Der Gitarrist am Bahnhof in Brügge. (Foto: Bernd Manthey)

Den armenischen Pass musste ich abgeben. Die Zentrale Ausländerbehörde der Stadt Bielefeld (ZAB) hat damals entschieden, uns in Lüdenscheid in einem Heim für Asylbewerber unterzubringen. Wir haben damals ein kleines Zimmer bekommen für uns drei und haben Küche und Bad mit zwei weiteren Familien geteilt.

Deine Eltern leben inzwischen wieder in Armenien, und du hältst dich zurzeit bei ihnen auf. Wo in Armenien lebt ihr? Wie ist es dort?

Artur Tadevosyan: Ich bin zurzeit bei meinen Eltern in meiner Geburtsstadt Jerewan, das ist die Hauptstadt von Armenien. Jerewan ist eine sehr schöne und weltoffene Stadt. Im Sommer ist sie voll mit deutschen Touristen. Manchmal spreche ich die an und frage, wie es ihnen in Armenien gefällt, und die sind immer sehr begeistert. Es waren auch schon einige Lüdenscheider hier, die sich ebenfalls sehr wohl gefühlt haben. Der Vorgänger des jetzigen deutschen Botschafters in Armenien ist übrigens gebürtiger Lüdenscheider!

Inwiefern seid ihr von den Kämpfen in Bergkarabach bzw. Arzach betroffen, und wie wirken sie sich auf dich, deine Familie und deinen Heimatort aus?

Artur Tadevosyan: Der Krieg findet rund 250-300 Kilometer Luftlinie von uns entfernt statt, also bekommt man hier in der Stadt nicht direkt was mit. Trotzdem wurden hier alle gewarnt um in ihren Kellern Platz zu machen und Wasser und Nahrungsvorräte anzuschaffen für den Fall eines Luftangriffs. Es wurde auch gesagt, dass es keine Übung ist, wenn man die Sirenen hört. Dann sollen alle in die Keller flüchten. Aserbaidschan hat auch damit gedroht, ein Atomkraftwerk, das sich nicht so weit weg von uns befindet, zu bombardieren. Daran muss ich jede Nacht denken, wenn ich im Bett liege.

Nach deinen Angaben in einigen deiner Facebook-Videos sind auch Verwandte und Freunde von dir in den Krieg verwickelt (unter anderem wird, wie du sagtest, ein Freund von dir vermisst). Wenn möglich, erzähl bitte noch ein wenig mehr darüber.

Artur Tadevosyan: Armenien ist ein sehr kleines Land mit knapp drei Millionen Einwohnern, und Arzach hat etwa 150.000 Einwohner. Dementsprechend gibt es keine große Profi-Armee. Deshalb kämpfen hier alle, damit Armenien nicht bald von der Landkarte verschwindet. In meinem Bekanntenkreis sind sehr viele gerade in Arzach und kämpfen. Einer meiner Freunde wird tatsächlich seit mehr als zwei Wochen vermisst, ein Bekannter ist tot, ein weiterer Freund liegt mit einem Kriegstrauma im Krankenhaus. Wenn die Welt einfach weiterhin nur zusieht, werde ich wohl noch sehr viel mehr Freunde und Bekannte verlieren.

Besteht die Gefahr, dass auch du in diesen Krieg direkt verwickelt werden könntest, zum Beispiel, dass du eingezogen wirst? Oder würdest du dich vielleicht sogar freiwillig zum Kriegsdienst verpflichten?

Artur Tadevosyan: Da ich kein armenischer Staatsbürger mehr bin, darf ich nach armenischem Gesetz nicht an einem Krieg teilnehmen oder eingezogen werden. Ich hoffe auch nicht, dass es irgendwann soweit kommt, dass ich meine Familie mit einer Waffe vor Islamisten verteidigen muss. Diese Gefahr besteht aber leider tatsächlich.

Du sagst, dass sich Europa in diesem Konflikt mehr engagieren sollte und dass dies mit Ausnahme der Franzosen niemand macht, wobei Deutschland sich nicht einschaltet, um den Flüchtlingsdeal mit türkischen Präsidenten Erdogan nicht zu gefährden, der Aserbaidschan militärische Hilfe leistet.

Artur Tadevosyan (rechts) zusammen mit seinen Band-Kollegen der John Porno Band. (Foto: Björn Othlinghaus)

Artur Tadevosyan (rechts) zusammen mit seinen Band-Kollegen der John Porno Band. (Foto: Björn Othlinghaus)

Ich habe den Eindruck, dass zwischen den Kriegsparteien Armenien und Aserbaidschan völlig verhärtete Fronten bestehen, und das leider nicht erst seit gestern, sondern seit vielen Jahren. Jeder stellt den anderen als Todfeind dar, jeder bezichtigt jeweils die andere Seite, die Waffenruhe zu brechen. Gäbe es überhaupt Möglichkeiten der Einflussnahme durch Europa in diesem Konflikt? Eine militärische Einmischung würde ja nur noch mehr Leid über die Zivilbevölkerung bringen, also bliebe doch nur eine Vermittlung zwischen den Kriegsparteien durch Europa, oder wie siehst du das?

Artur Tadevosyan: Deutschland sollte sich klar machen, dass es, wenn es so weiter geht, eine noch viel größere Flüchtlingswelle aus dem Kaukasus geben wird! Erdogan leistet nicht nur militärische Hilfe – türkische Spezialeinheiten und Jihadisten aus Syrien kämpfen ebenfalls gegen Armenien und Arzach. Das Ganze ist ein Kampf David gegen Goliath. Für den Kopf eines Armeniers zahlt Aserbaidschan 100 Dollar! Es werden Phosphorbomben eingesetzt gegen die Zivilbevölkerung, dadurch werden weite Landstriche und Wälder für sehr lange Zeit vergiftet und es sterben sehr viele Tiere, darunter auch viele vom Aussterben bedrohte Arten.

Es wurde eine Kirche zweimal hintereinander bombardiert, beim zweiten Mal waren gerade Journalisten darin. Das ganze wurde sehr gut dokumentiert. Es wird Streumunition gegen die Zivilbevölkerung eingesetzt. Zu allem, was ich hier sage, gibt es zahlreiches Beweismaterial auf Video. Aserbaidschan begeht mit Hilfe der Türkei ein Kriegsverbrechen nach dem anderen. Ich erwarte nicht, dass sich Deutschland oder ein anderes europäisches Land militärisch einsetzt. Ich erwarte, dass der Präsident von Aserbaidschan, Ilham Aliyev, sowie der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan für ihre Kriegsverbrechen bestraft werden, mit Sanktionen und vor einem Kriegsgericht.

Du sagst in deinen Facebook-Videos zu Recht, dass die Probleme der Kulturschaffenden in Deutschland, die aufgrund der Corona-Pandemie nicht mehr arbeiten können und darauf in den sozialen Medien aufmerksam machen, sehr klein sind im Vergleich zu der Situation der Menschen in Armenien und Bergkarabach, und du sagst es als jemand, der selbst Künstler und Musiker ist und damit sein Geld verdient. Ganz sicher stimmt das – die Lage von Menschen in einem Kriegsgebiet ist immer schlimmer als die „Luxusprobleme“ in einem Land, das sich nicht im Krieg befindet und in dem keine Menschen körperlich leiden und sterben. Ist es aber nicht trotzdem problematisch, diese beiden völlig unterschiedlichen Problematiken gegeneinander zu stellen? Denn egal, auf welche Missstände man aufmerksam macht, es gibt doch immer irgendwo Menschen, die noch schlimmer dran sind? Sollte es nicht möglich sein, auf die fürchterliche Situation der Menschen in Armenien aufmerksam zu machen, ohne das sicher ebenfalls existente Problem der Kulturschaffenden in Deutschland, das ja nunmal auch die Betroffenen beschäftigt, damit weniger relevant zu machen? Man muss doch das eine Problem nicht klein machen, um das andere ansprechen zu können.

Artur Tadevoyan: Natürlich ist es falsch, zu vergleichen, weil es immer jemanden gibt, dem es schlechter geht als einem selbst. Ich mache jetzt trotzdem einen Vergleich, um es nochmal deutlicher zu machen. Mir geht es im Gegensatz zu den Menschen in Stepanakert (Anm. d. Red.: Hauptstadt der Republik Arzach), die sich seit Wochen in einem Keller vor Bomben verstecken, natürlich gut. Jeder darf über seinen Schmerz oder seine Probleme klagen, und ich sollte nicht derjenige sein, der über sie urteilt. Ich erkläre das mal so: Navalnys Vergiftung, der Tod von Van Halen, Sean Connerys Tod, da haben auf einmal sehr viele Menschen mitgefühlt, ändern ihr Profilbild und schreiben darüber, verbreiten Bilder. Mich hat der Tod von Van Halen auch betroffen gemacht, weil er mich beeinflusst hat als Gitarrist.

Der Musiker Artur Tadevosyan ist deutscher Staatsbürger mit armenischen Wurzeln. (Foto: Bernd Manthey)

Der Musiker Artur Tadevosyan ist deutscher Staatsbürger mit armenischen Wurzeln. (Foto: Bernd Manthey)

Aber gleichzeitig habe ich mich sehr geärgert, weil die Aufmerksamkeit der Leute auf Facebook sehr schwer zu bekommen ist, außer es geht um einen toten Promi. Die Menschen sind bei solchen Themen sofort dabei, und dann geht das, was hier in Armenien passiert, also mein Anliegen, augenblicklich unter. Ich merkte irgendwann: entweder, ich werde richtig laut, oder ich die Menschen überhören mich komplett. Vor allem gegen den neuen Lockdown komme ich nicht mehr an. Deswegen habe ich das Facebook-Video gemacht, das du in deiner Frage ansprichst. Ich bin bei diesem Thema sehr emotional und sehr verletzt. Wir sind hier in einer verzweifelten Lage und die Welt ignoriert uns! Es geht nicht um Vergleiche, sondern darum, dass die Menschen ihre Aufmerksamkeit immer dahin lenken, wo es gerade laut kracht. Aber die Welt steht kurz vor dem Dritten Weltkrieg! Das, was hier gerade passiert, ist nicht einfach ein kleiner Konflikt, sondern ein riesiges Pulverfass kurz vor der Explosion. Ich versuche seit Wochen, die Leute darauf aufmerksam zu machen und sie wach zu rütteln. Obwohl ich Facebook ablehne und es eigentlich seit Jahren nicht mehr benutze, hat es sich als sehr wichtige Informationsquelle für mich herausgestellt. Ich habe mich in den letzten Wochen da sehr gut vernetzen können. Aber es ist schwer, die Aufmerksamkeit der Menschen zu bekommen, denn nur wenige lesen lange Texte. Ich veröffentliche seit über einem Monat fast jeden Tag zahlreiche Posts zu dem Thema, aber es gibt trotzdem noch sehr viele Menschen auf Facebook, die von dem, was ich schreibe, gar nichts mitbekommen, weil die Medien so voll sind mit Corona-Geschichten.

Konzentrierte Probe mit der John Porno Band in Lüdenscheid. (Foto: Björn Othlinghaus)

Konzentrierte Probe mit der John Porno Band in Lüdenscheid. (Foto: Björn Othlinghaus)

Die Tagesschau berichtet fast gar nicht mehr über die Situation im Kaukasus. Jeden Tag nach dem Aufstehen checke ich zurzeit Facebook, um zu erfahren, ob Aserbaidschan nicht vor Jerewan steht. Zwangsläufig sehe ich dabei auch viele aktuelle, sehr sehr grausame Bilder und den ganzen Schrecken dieses Krieges, zum Beispiel, dass jemand gestorben ist, den ich kannte, und wenn ich darüber schreibe, bekommt das keiner mit. Ich habe das Gefühl, wir Menschen sind abgestumpft und nur wer sehr laut und sehr deutlich ist bekommt noch Gehör, deswegen bin ich diesen Schritt gegangen und es hat funktioniert! Auf einmal bekam mein Anliegen viel mehr Aufmerksamkeit und das ich hier gerade die Möglichkeit bekommen habe, darüber zu sprechen, ist auch eine Folge davon. Ich möchte mich aber auch bei ganz vielen Menschen bedanken, die mich mit meinem Anliegen und damit auch mein Land unterstützen und helfen! Ich habe neue Freunde gefunden und viel Kraft gewonnen, um weiter zu machen. Einen ganz großen Dank auch an viele Lüdenscheider!

Inwieweit wirkt sich die Corona-Pandemie nun konkret auf deine Situation und die deiner Landsleute aus? Du sagtest, du kannst derzeit nicht wieder nach Deutschland einreisen, und auch deine Landsleute, die vielleicht vor dem Krieg in Berg-Karabach fliehen wollen, kommen nicht raus.

Artur Tadevosyan: Ich als Deutscher kann schon nach Deutschland einreisen, allerdings ist es wegen Corona nicht möglich, ein Einreisevisum für meine Familie zu bekommen. Hier ist seit sechs Monaten mehr oder weniger Lockdown, fast alles hat zu und es gibt auch fast keine Flüge. Außerdem möchte ich hier im Moment auf keinen Fall weg! Es ist schon seltsam, dass ich mich hier wegen meiner armenischen Wurzeln trotz der angespannten Lage sicherer fühle als in Deutschland, denn zurzeit werden Armenier ja weltweit verfolgt.

Hilft dir derzeit eigentlich auch deine Musik, besser mit der schlimmen Lage von dir und deinen Landsleuten umgehen zu können? Findest du noch die Muße, mit anderen Menschen oder auch ganz für dich allein Musik zu machen, die dir Trost schenkt in dieser Zeit?

Artur Tadevosyan: Ich arbeite seit einigen Jahren nur noch als Media Composer, das heißt, ich arbeite in meinem Tonstudio. Seit der Krieg vor einem Monat angefangen hat, habe ich keine einzige Note mehr geschrieben.

Artur (2.v.l.) mit seinen Mit-Musikern und Freunden der John Porno Band im Proberaum. (Foto: Björn Othlinghaus)

Artur (2.v.l.) mit seinen Mit-Musikern und Freunden der John Porno Band im Proberaum. (Foto: Björn Othlinghaus)

Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, meinen Beitrag dafür zu leisten, diesen Krieg so schnell wie möglich zu beenden. Das nimmt sehr viel Zeit und Kraft in Anspruch. Musik zu machen oder zu schreiben ist für mich mit Freude und Spaß verbunden, aber zurzeit kann ich keine Freude empfinden. Ich glaube, die einzige Musik die ich im Moment machen könnte, wäre Death Metal!

Fällt dir zum Schluss noch etwas ein, was wir noch nicht angesprochen haben und was du noch loswerden möchtest?

Artur Tadevosyan: Ich hoffe, dass dieser Krieg sehr bald vorbei ist und auch Corona kein Thema mehr ist. Dann würde ich alle einladen nach Armenien zu kommen, um hier Urlaub zu machen, und würde sehr gerne allen meine Heimat mit meinen Augen zeigen. Die Natur in Armenien ist teilweise fast wie die im Sauerland! Und hier gibt es sehr, sehr leckeres Essen!

(Foto: Björn Othlinghaus)

Letztes Konzert vor dem Kultur-Lockdown – mit Helene Blum und der Harald Haugaard Band

Helene Blum und die Harald Haugaard Band spielten ein letztes Konzert vor dem neuerlichen Lockdown. (Foto: Björn Othlinghaus)

„Es war uns eine Ehre, für Euch hier heute Abend spielen zu dürfen.“ Harald Haugaard, Musiker.

Die Freude, wieder auf Tour gehen zu können, war den Mitgliedern der Harald Haugaard Band sowie Sängerin Helene Blum am 25. Oktober 2020 bei ihrem Auftritt im Theatersaal des Kulturhauses in Lüdenscheid anzumerken. Ebenso erleichtert zeigte sich Markus Scheidtweiler, der die dänischen Künstler im Rahmen der Konzert-Reihe „Folk Pack“ in die Bergstadt eingeladen hatte. „Wir bedanken uns vor allem bei der Band sowie der Intendantin des Kulturhauses, Rebecca Egeling, die viel dazu beigetragen haben, diese Veranstaltung unter den derzeit schwierigen Corona-Bedingungen möglich zu machen“, erklärte Scheidtweiler bei seiner Einführung in den Abend, der das verspätete Auftakt-Konzert der diesjährigen Folk-Pack-Reihe darstellte.

Helene Blum überzeugte im Kulturhaus in Lüdenscheid. (Foto: Björn Othlinghaus)

Helene Blum überzeugte im Kulturhaus in Lüdenscheid. (Foto: Björn Othlinghaus)

Neben Helene Blum (Gesang, Violine) und Harald Haugaard (Violine) besteht die Formation aus Kirstine Elise Pedersen (Cello), Mikkel Grue (Gitarre) und Sune Rahbek (Schlagzeug). Die Combo hat sich ganz der dänischen Folk-Musik verschrieben und präsentiert die meisten ihrer Stücke in dänischer Sprache. Trotzdem nahmen die Musiker ihr Publikum an die Hand und erläuterten zwischen den Musikstücken in deutscher und englischer Sprache deren Inhalt. Mit einem atmosphärischen, ruhigen Duett, das Helene Blum und Harald Haugaard ohne Band-Begleitung bestritten, starteten die Musiker unaufgeregt in den Konzertabend. Viele Songs stammten aus ihrem neuesten Album „Strømmen“ (Der Strom), das sich oft um das Element Wasser als Metapher für das Lebens dreht. Die Musik verzaubert oft mit einem Höchstmaß an Poesie und Mystik, wobei Helene Blum, Harald Haugaard und ihre Mitstreiter auch gerne einmal zum Mitklatschen und Tanzen einladen – letzteres in Corona-Zeiten natürlich nur in imaginärer Form.

Harald Haugaard. (Foto: Björn Othlinghaus)

Harald Haugaard. (Foto: Björn Othlinghaus)

Bei dem Lied „Dansevise“ vom aktuellen Album handelte es sich um die rasante Adaption eines Stückes des Duos Grethe und Jorgen Ingmann, das Dänemark im Jahr 1963 beim Eurovision Song Contest den Sieg einbrachte. Eine kleine Suite mit drei schwungvollen Werken des dänischen Komponisten Carl August Nielsen, dessen Musik ihre Wurzeln in der traditionellen dänischen Folk-Musik hat, bereicherte die Setliste ebenso wie das dunkle Werk „Angst“, ebenfalls vom Album „Strømmen“, das sich um die verschiedenen Ausprägungen der Angst dreht. Ein Seemannslied über einen Mann, der in der Ferne an seine Liebe im hohen Norden denkt sowie das englischsprachige „The Garden“, ein Werk des US-amerikanischen Country-Musikers Tim O’Brien, durften ebenfalls auf der Setlist nicht fehlen. Im mehrteiligen Zugabenteil servierten die dänischen Gäste dann noch einmal ein schwungvolles Tänzchen, bei dem Schlagzeuger Sune Rahbek mit einem fetzigen Solo für gute Laune für den Nachhauseweg sorgte.

Die Einhaltung der Abstandsregeln und Maskenpflicht waren jederzeit gewährleistet. (Foto: Björn Othlinghaus)

Die Einhaltung von Abstandsregeln und Maskenpflicht war jederzeit gewährleistet. (Foto: Björn Othlinghaus)

Nach dem Gig konnten sich die Fans auch noch mit Alben der Formation eindecken – der Verkauf fand jedoch Corona-bedingt unter freiem Himmel statt. Trotz der durchdachten und wirkungsvollen Hygienemaßnahmen im Lüdenscheider Kulturhaus wird es nun für die Zeit des Lockdowns im gesamten November 2020 auch hier wieder still – ein bedauerlicher Schlag ins Gesicht von Künstlern und Veranstaltern, die stets in besonderem Maße die Gesundheit ihres Publikums sichergestellt und gewährleistet haben.

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Graffiti-Workshop des LIBZ – Jugendliche unterschiedlicher Nationalitäten sprayen zusammen

Der Künstler Yves Thomé gestaltete mit acht Jugendlichen unterschiedlicher Nationalität ein Graffiti-Kunstwert im LIBZ. (Foto: Björn Othlinghaus)

Das Lüdenscheider Integrations- und Begegnungszentrum (LIBZ) ging Anfang des Jahres 2020 in die Trägerschaft der Kinder- und Jugendförderung der Stadt Lüdenscheid über.

Ziel der politisch und weltanschaulich neutralen Einrichtung ist es, Flüchtlingen und Asylbewerbern auf vielfältige Weise eine Chance zu geben, in Deutschland anzukommen und Fuß zu fassen. Das LIBZ möchte auf vielfältige Weise Netzwerkarbeit leisten, Flüchtlingen und Asylbewerbern die Interaktion mit Einrichtungen und Behörden erleichtern, die sie aufsuchen müssen, aber ihnen auch in Form unterschiedlicher Kurse und Gruppen die Möglichkeit geben, sich auszudrücken und gemeinsam mit Menschen aus Lüdenscheid die eigene Kreativität zu fördern, Talente zu entdecken, gemeinsam die eigene Schaffenskraft zu aktivieren, sich etwas zu erarbeiten und dabei Kontakte zu knüpfen.

Die Jugendlichen waren mit viel Engagement bei der Sache. (Foto: Björn Othlinghaus)

Die Jugendlichen waren mit viel Engagement bei der Sache. (Foto: Björn Othlinghaus)

Unter Federführung des Künstlers Yves Thomè wurde jetzt im LIBZ ein Graffiti-Projekt mit acht jugendlichen Teilnehmern umgesetzt. Der Chill-Raum in der Einrichtung wurde mit einem Graffiti-Schriftzug verschönert, den die Jugendlichen zunächst gemeinsam mit Yves Thomé entwarfen und dann an einer Wand des Raumes selbst gestalteten. Vorher brachte Thomé den jungen Leuten die Grundzüge und Techniken des Graffiti bei, die diese zunächst an Holzplatten üben konnten. Hierbei ging es um die korrekte Sprühtechnik, das korrekte Erstellen von Rändern und Konturen mit der Sprühdose sowie das Aussprühen von Flächen, bei dem unter anderem auch das Verlaufen der Farben durch zu dichten Auftrag vermieden werden sollte.

Graffiti-Action im LIBZ. (Foto: Björn Othlinghaus)

Graffiti-Action im LIBZ. (Foto: Björn Othlinghaus)

Bevor es an die eigentliche Sprüharbeit gehen konnte, mussten darüber hinaus noch gezeichnete Entwürfe auf dem Papier gestaltet werden – auch diese Arbeit verrichtete Yves Thomé gemeinsam mit den Jugendlichen, die ihre Ideen in Form von selbst erstellten Zeichnungen einbringen konnten. Im Mittelpunkt des inzwischen fertigestellten Graffito steht der jugendsprachliche Schriftzug „Chillaui“, eine Variation des Wortes „chillen“, das für „entspannen“ steht. Stefan Zorn von der Kinder- und Jugendförderung der Stadt als Träger des LIBZ sowie dessen Leiterin Janina Storch nahmen das fertige Kunstwerk anerkennend in Augenschein. Da auch noch eine Seitenwand des Raumes mit Graffiti-Kunst verschönert werden könnte, schließen die Initiatoren der Aktion nicht aus, dass eines Tages auch dieses Projekt noch von engagierten Jugendlichen unter Federführung von Yves Thomé in Angriff genommen werden könnte.

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Bushäuschen werden zu Kunstwerken – mit der Jugendfreizeitstätte Audrey’s

Die neu gestaltete Bushaltestelle Lennestraße in Lüdenscheid mit allen beteiligten Künstlerinnen und Künstlern. (Foto: Björn Othlinghaus)

„Die Bushaltestellen sollen bunter werden!“ – Unter diesem Motto steht seit einigen Jahren eine Aktion der Jugendfreizeitstätte Audrey’s in Lüdenscheid.

Jetzt wurde mit der Haltestelle Schnarüm, die sich knapp auf Schalksmühler Gebiet nahe der Autobahnauffahrt Lüdenscheid Nord befindet, die insgesamt 36. Haltestelle im Rahmen der Aktion von Jugendlichen verschönert. Die Federführung beim Gesamtprojekt hat die Künstlerin und Sozialpädagogin Brigitte Gentz, die auch die künstlerischen Entwürfe für die Bushaltestellen gestaltet sowie diese vor Ort am Objekt vorskizziert hat, damit die Jugendlichen die Ausgestaltung übernehmen können.

Am und im Bushäuschen Schnarüm sind Nazi-Schmierereien einem künstlerischen Appell für den Frieden gewichten. (Foto: Björn Othlinghaus)

Am und im Bushäuschen Schnarüm sind Nazi-Schmierereien einem künstlerischen Appell für den Frieden gewichten. (Foto: Björn Othlinghaus)

Finanziert wird die Gestaltung der Buswartehäuschen – bis auf eine Ausnahme – vom Stadtreinigungs-, Transport- und Baubetrieb in Lüdenscheid (STL). Am Buswartehäuschen Schnarüm arbeiteten die Jugendlichen Thomas Pyka, Denise Moulton und Gina Koßmann mit. Die Verschönerung der abgelegenen Bushaltestelle war ganz besonders deshalb notwendig geworden, da das Gebäude stark mit rechtsextremen Schmierereien verunstaltet war. „Unter anderem prangte ein überdimensionales Hakenkreuz an der Seitenwand und auch im Inneren gab es zahlreiche hässliche, rechtsextreme Beschriftungen und Verunstaltungen“, meint Brigitte Gentz. Zu dieser Problematik stellt der Entwurf zur Gestaltung des Buswartehäuschens eine genau gegensätzliche Aussage dar.

Die Jugendlichen steckten viel Mühe und Sorgfalt in ihre künstlerische Arbeit. (Foto: Björn Othlinghaus)

Die Jugendlichen steckten viel Mühe und Sorgfalt in ihre künstlerische Arbeit. (Foto: Björn Othlinghaus)

Wer jetzt das Häuschen besucht, sieht eine große Zahl gen Himmel gereckter, bunter Arme und Hände, die von einem großen Friedenszeichen sowie einem bunten Bogen überragt werden, der sich aus dem Wort „Frieden“ in unterschiedlichen Sprachen zusammensetzt. Wie bei vielen der anderen Buswartehäuschen, die im Rahmen der Aktion von den jungen Leuten der Jugendfreizeitstätte Audrey’s gestaltet wurden, handelt es sich auch hier um ein Motiv im Pop-Art-Stil. Ein farbenfroher, klarer Aufruf zur Versöhnung und gegen den Hass. „Leider fand ich vor einer Woche, genau einen Tag, nachdem ich den Entwurf angebracht hatte, eine neue Schmiererei vor“, ärgert sich Brigitte Gentz. Diese wurde natürlich inzwischen entfernt und übermalt.

Impression von der Bushaltestelle Worth an der Lennestraße in Lüdenscheid. (Foto: Björn Othlinghaus)

Impression von der Bushaltestelle Worth an der Lennestraße in Lüdenscheid. (Foto: Björn Othlinghaus)

Nun hoffen all jene, die das Bushäuschen in ein künstlerisches Kleinod verwandelt haben, dass sich diejenigen, die das Gebäude bisher verunstaltet und vollgeschmiert haben, doch noch einen kleinen Rest Anstand und Respekt vor der Arbeit bewahrt haben, die die Jugendlichen in die Verschönerung des Gebäudes investiert haben, und auf weitere Schmierereien verzichten. Allein in diesem Jahr wurden unter Federführung von Brigitte Gentz, dem Leiter des Audrey’s Michael Heide-Gentz sowie zahlreichen Jugendlichen zwölf Buswartehäuschen verschönert. „Ein sehr gutes Pensum, da wir uns ansonsten im Schnitt nur acht Häuschen pro Jahr vorgenommen hatten“, freut sich Brigitte Gentz. Am letzten Tag der diesjährigen Aktion „Die Bushaltestellen sollen bunter werden“ wurde zeitgleich zur Haltestelle in Schnarüm auch das Buswartehäuschen Worth an der Lennestraße in Lüdenscheid verschönert, allerdings mit einem komplett anderen künstlerischen Konzept. Die Schmierereien wurden übermalt und sind nun einem in Schütttechnik produzierten, bunten Farbstreifenmuster gewichen, vor dem sich dynamische, schwarze Schattenfiguren bewegen.

Gegen das kühle Wetter half Wärmhaltefolie. (Foto: Björn Othlinghaus)

Gegen das kühle Wetter half Wärmhaltefolie. (Foto: Björn Othlinghaus)

Während alle anderen von den Jugendlichen künstlerisch gestalteten Haltestellen dem STL gehören und die Kunstaktionen auch von diesem finanziert wurden, befindet sich dieses Objekt im Besitz der Stadt, weshalb sich hier die Sparkasse zur Finanzierung bereiterklärte. An der Gestaltung der Haltestelle Worth, die genauso wie die Aktion in Schnarüm drei Tage lang dauerte, waren Luis Schumann, Verena Berkard, Paulina Bulanda, Alexandra Engelke, Alison Kinas, Mia Vanessa Dekarski und Alina Dekarski beteiligt. Brigitte Gentz und die jungen Leute wollen sich auch im nächsten Jahr nicht auf die faule Haut legen, sondern mit ihrer Aktion, die erheblich zur Verschönerung des Stadtbildes von Lüdenscheid und Umgebung beiträgt, weitermachen. Denn ganz sicher gibt es noch viel mehr Buswartehäuschen, deren Eindruck massiv durch eine ansprechende Gestaltung verbessert werden kann.

(Foto: Björn Othlinghaus)

35. Poetry-Slam „World of Wordcraft“ unter Corona-Bedingungen

Seit 10 Jahren ist Marian Heuser Veranstalter und Moderator der World-of-Wordcraft-Veranstaltungen. (Foto: Björn Othlinghaus)

Der 35. Poetry-Slam „World of Wordcraft“ lief am Freitag, 25. September 2020, im Theatersaal des Kulturhauses Lüdenscheid aufgrund der Corona-Pandemie etwas anders ab als gewohnt.

Während der gesamten Veranstaltung, bei der sich Poetry-Slammerin Marie Gdaniec über die von Claudia Bäcker-Kirmse gestaltete Goldene Feder sowie die von den Lüdenscheider Nachrichten ausgelobte Veröffentlichung eines eigenen Textes einschließlich 150 Euro Honorar freuen konnte, herrschte für die Zuschauer Maskenpflicht. Jubel sowie lautstarke mündliche Solidaritätsbekundungen mit den Slammern waren wegen der Gefahr übermäßigen Aerosol-Ausstoßes ebenfalls nicht gestattet. Applaus und rhythmisches Trampeln waren selbstverständlich erlaubt, als die sechs Slammer sowie Moderator Marian Heuser die Bühne betraten.

Freute sich über die Goldene Feder: Marie Gdaniec. (Foto: Björn Othlinghaus)

Freute sich über die Goldene Feder: Marie Gdaniec. (Foto: Björn Othlinghaus)

Die Leistungen wurden diesmal nicht durch Jury-Mitglieder im Publikum mit Punktetafeln beurteilt. Stattdessen traten die Autoren in der ersten Runde in Zweierpaarungen gegeneinander an, wobei die Zuschauer durch Applaus signalisierten, welchem der beiden Slammer mehr Sympathien gehörten. Nachdem Moderator Marian Heuser unter seinem Künstlernamen Peter Panisch den eigenen Text „Er so – ich so“ außerhalb der Wertung vorgetragen hatte, waren folgende Slammer auf der Bühne zu sehen: Johnny aus Haltern, Julius Esser aus Brühl, Alexander Bach aus Köln, Luise Frentzel aus Bochum, Marie Gdaniec aus Düsseldorf und Lucia Swieter aus Köln. In der ersten Runde des hochklassigen Wettbewerbs standen sich Johnny sowie Julius Esser gegenüber. Johnny stellte sich in seinem Beitrag „Einmal kurz nicht aufgepasst“ die Frage, was im Laufe der Evolution, die bei ihm mit dem Sturz eines Affen vom Baum und dessen damit verbundener Gehirnschwellung startete, schief gelaufen sein musste, damit heute ein „Orange Utan“ das mächtigste Land der Welt regieren kann.

Julius Esser war nicht nur ein toller Poetry-Slammer, sondern auch ein versierter Stimmenimitator. (Foto: Björn Othlinghaus)

Julius Esser war nicht nur ein toller Poetry-Slammer, sondern auch ein versierter Stimmenimitator. (Foto: Björn Othlinghaus)

Julius Esser beförderte sich mit seiner Story „Mein innerer Udo“ ins Finale, bei dem ihn ein von Esser glänzend imitierter innerer Udo Lindenberg auch in den nervigsten Situationen stets zur Gelassenheit gemahnte. In Runde zwei standen sich Alexander Bach und Luise Frentzel gegenüber. Bach gab mehrere kleine, teils eher schwer zugängliche Texte zum Besten. Der herausragendste, „The Creature from the Black Lagoon“, drehte sich um einen Menschen, der sich wie das Wasserwesen aus dem gleichnamigen 50er-Jahre-Horrorfilm in seiner eigenen „Tiefe stiller Wasser“, seiner Wohnung voller Bücher, Filme und Musik, einigelt. Die Bochumerin Luise Frentzel dachte in ihrer „Ode an die Lebensfreude“ darüber nach, dass in einer kaputten Welt verstärkt über die guten Dinge wie das leckere Essen bei Mutti oder den Sonnenstrahl, „der seinen Namen in den Tag pinkelt“, nachdenken sollte, und kam damit ins Finale.

Luise Frenzel gehörte zu den drei Finalteilnehmern. (Foto: Björn Othlinghaus)

Luise Frenzel gehörte zu den drei Finalteilnehmern. (Foto: Björn Othlinghaus)

Bei der letzten Paarung traten Marie Gdaniec und Lucia Swieter an. Gdaniec konnte mit einer lustigen Debatte zwischen ihr und Freundin Nadine darüber punkten, was wohl passieren würde, wenn die Geschlechtsteile der Menschen bei Erregung leuchten könnten. Lucia Swieter sprach in einem atemlosen Stakkato, das es dem Publikum kaum ermöglichte, dem Vorgetragenen zu folgen. Ihr Text drehte sich darum, in welche Richtung sich ein gerade auf die Welt gekommenes Baby entwickeln könnte und wer die Verantwortung dafür trägt. Marie Gdaniec wurde als dritte Slammerin ins Finale applaudiert und überzeugte dort mit einer weiteren Erzählung, in der Freundin Nadine eine Rolle spielte. „Bananenbrot“ befasste sich auf ironische Weise mit jenen profanen Dingen, mit denen sich die beiden beim Corona-Logdown die Zeit vertrieben.

Johnny aus Haltern. (Foto: Björn Othlinghaus)

Johnny aus Haltern. (Foto: Björn Othlinghaus)

Hiermit setzte sich die Düsseldorferin gegen Julius Esser und seine dramatische Geschichte „Der goldene Writer“, in der sich ein Autor trotz seines Schreibtalents nicht in der Lage sieht, seine Angebetete in der realen Welt anzusprechen und deshalb von einer Brücke springt, sowie Luise Frenzel durch, die mit einem etwas anderen Märchen aufwartete, und konnte die goldene Feder mit nach Hause nehmen. Als nächste Slam-Veranstaltung findet der WoW Team Poetry Slam am Samstag, 14. November, ab 20 Uhr im Theatersaal des Kulturhauses Lüdenscheid statt. Tickets zum Preis von 17,60 Euro bzw. ermäßigt 11 Euro inkl. Gebühren gibt es unter Tel.: 0 23 51 / 17 12 99.

(Foto: Heiko Mlodystach)

Actrice mit Lüdenscheider Wurzeln – Ein Interview mit Johanna Giraud

Die Lüdenscheiderin Johanna Giraud (28) startet als Schauspielerin durch. (Foto: Heiko Mlodystach)

Die Wurzeln der Schauspielerin Johanna Giraud, die unter anderem in der Bestsellerverfilmung „Es ist nur eine Phase, Hase“ nächstes Jahr im Kino zu sehen sein wird, liegen in Lüdenscheid.

Hier wirkte die heute 28-jährige in der Theater-AG des Bergstadt-Gymnasiums mit, wo sie unter anderem durch Lehrer Matthias Wagner viel für ihren späteren Lebensweg lernte. Im Interview mit Björn Othlinghaus erzählt Johanna Giraud über ihre Situation in Corona-Zeiten, gibt Tipps für junge Menschen mit Schauspiel-Ambitionen und plaudert über ihre nächsten Projekte.

Frau Giraud, wann haben Sie für sich den Entschluss gefasst, Schauspielerin zu werden? Was war der Auslöser?

Johanna Giraud: Den Ruf der Bühne verspürte ich das erste Mal, als ich vier Jahre alt war und die Vorschulkinder im Kindergarten „Die Vogelhochzeit“ inszeniert haben. Das war nicht mein Jahrgang, ich war noch kein Vorschulkind. Trotzdem wollte ich unbedingt mitmachen und habe einen riesigen Aufstand gemacht. Mit der Musikkassette zum Mitsingen konnte ich vorerst besänftigt werden und zumindest zuhause für mich „proben“. Als mein Jahrgang dann im nächsten Jahr eine Aufführung vorbereiten sollte, sprang ich sofort auf, als nach Freiwilligen für die Hauptrolle gefragt wurde. Es war „Der Regenbogenfisch“ nach dem Bilderbuch von Marcus Pfister, und die Lieder kann ich zum Teil heute noch. Von meinen Geschwistern zuhause war ich es gewohnt, dass die begehrenswerten Dinge niemals leicht zu haben waren. Da musste man sich schon durchsetzen. Ich wollte spielen. Ich wollte auf die Bühne.

Egal ob Film, TV oder Theaterbühne: Johanna Giraud fühlt sich überall als Schauspielerin zuhause. (Foto: Heiko Mlodystach)

Egal ob Film, TV oder Theaterbühne: Johanna Giraud fühlt sich überall als Schauspielerin zuhause. (Foto: Heiko Mlodystach)

Das ganze Proben und Basteln der Kostüme und Requisiten gefiel mir so gut, dass für mich klar war, das ist genau mein Ding. Also spielte ich weiter, in verschiedenen Gruppen. Als ich älter wurde gewann dann bei mir die Vernunft die Oberhand und ich habe versucht, mich beruflich umzuorientieren. Diverse Praktika beim Kinder- oder Tierarzt, als Pferdewirtin, Tag der offenen Tür bei der Polizei, Berufsvorbereitungsseminare, Kompetenzchecks, Assessmentcenter zur Berufswahl. Das hat mir alles Spaß gemacht, aber es half nichts. Mein Weg führte mich nach dem Abitur zur Schauspielschule. Und ich bereue es nicht! Trotz aller Leidenschaft reduziere ich dennoch meine Interessen nicht auf das Schauspiel allein, sondern tue alles, was mich reizt und erfüllt. Um meinen Horizont zu erweitern, habe ich ein Jura-Studium begonnen. Die Inhalte interessieren mich, und seine Rechte zu kennen, ist für freiberufliche Künstler auch nicht verkehrt. Goethe war schließlich auch Jurist. Ich schreibe und fotografiere gern. Außerdem fühle ich mich nach wie vor dem Reitsport sehr verbunden. Hobbys und Aktivitäten sind wichtig! Auch als Berufsschauspieler kann sich nicht alles von früh bis spät nur um die Arbeit drehen. Ohne Erfahrungen im Leben hat man auf der Bühne oder vor der Kamera nichts zu erzählen.

Wie haben Sie als Schauspielerin den Corona-Lockdown erlebt? Hatten Sie noch Arbeit, oder sind alle Ihre Jobs weggebrochen?

Johanna Giraud: Es sind alle Termine, Proben und Drehs abgesagt worden. Das war natürlich im ersten Moment ein Schock! Generell ist es allerdings nicht außergewöhnlich, dass Jobs, für die bereits eine feste Zusage gegeben wurde, dann doch plötzlich nicht stattfinden. Das habe ich in der Branche leider schon oft erlebt, auch ohne Pandemie. Daher hat mich der Absagen-Hagel vermutlich auch nicht ganz so unerwartet getroffen, wie etwa die regulär Beschäftigten, bei denen der vermeintlich sichere 9-to-5-Job auf einmal weggebrochen ist. Aber dieses Jahr ist alles anders. Auch für mich. Normalerweise dekoriere ich zur Weihnachtszeit die Hütten vom Kölner Dom-Spekulatius, um die Kasse ein wenig aufzubessern, dieses Jahr wurde der Weihnachtsmarkt am Kölner Dom jedoch abgesagt. Auch das Hotel, in dem ich jobbe, hatte eine Weile komplett geschlossen. Langsam kommen wieder Gäste, aber es ist kein Vergleich zur Zeit vor der Pandemie. Keine Messen, keine Konzerte, kein Publikum.

Bereits im Kindergarten hörte Johanna Giraud den Ruf der Bühne. (Foto: Isabelle Haase)

Bereits im Kindergarten hörte Johanna Giraud den Ruf der Bühne. (Foto: Isabelle Haase)

Viele Theater haben zwar mittlerweile wieder geöffnet und ich spiele auch wieder, aber die Abstandsregeln sind besonders für die kleinen Häuser eine große Belastung. Dennoch sind wir Künstler ein reges Auf und Ab ohnehin gewohnt, auch auf dem Konto. Die Zeit des Lockdowns habe ich daher nicht so dramatisch wahrgenommen, denn ich konnte die Zeit gut nutzen. Endlich war mal Luft, um die Datenbanken und Agenturen wieder zu aktualisieren und einige Arbeitsproben zu erneuern. Auch die Fachzeitschriften, die ich fleißig abonniert habe und doch nie lese, bekamen so mal etwas Aufmerksamkeit. Ein Großteil meiner Arbeit findet ohnehin von zuhause aus statt. Bewerbungen schreiben, Text lernen, E-Castings, Sprech- und Fitnessübungen, sowie allgemeine Planung der nächsten Termine. Auch die Administration der Website kostet mich sehr viel Zeit, die ich im Normalfall eher selten bereit bin, aufzuwenden. Die finanziellen Löcher konnten gut gestopft werden, da es für mich kurzfristig Arbeit an der Film Acting School Cologne gab, woran ich große Freude gefunden habe. Letzten Endes sind ja auch nicht nur Einnahmen weggebrochen, sondern auch erhebliche Ausgaben, beispielsweise für Reisekosten. Tatsächlich muss ich sogar gestehen, die Ruhe über den Sommer extrem genossen zu haben. Dadurch wurde mir eine Art Zwangspause verpasst, die ich dringend gebraucht habe. So erging es auch vielen Kollegen, die sonst nie Zeit hatten, für ihre Familie oder auch mal für sich selbst. Ich bin dankbar, für meine Gesundheit und brauchte diesen Moment der Entschleunigung, um mir dessen wieder bewusst zu werden.

Geht es denn jetzt arbeitsmäßig wieder bergauf für Sie?

Johanna Giraud: Seit einigen Wochen herrscht das totale Organisations-Chaos. Viele Projekte und Termine, die ursprünglich schön auf das Jahr verteilt waren, sollen jetzt auf einmal sehr kurzfristig stattfinden. Leider musste ich da bereits Abstriche machen. Es lässt sich eben nicht alles einfach nachholen. Trotzdem bin ich natürlich froh, dass es nun weitergeht und hoffe, dass die Lage sich weiter entspannt. Die ersten Auftritte seit der Pause waren jedenfalls sehr schön und auch als Zuschauerin freue ich mich immer, die Stücke von Kollegen anzuschauen.

Was fasziniert und fordert Sie als Schauspielerin mehr: Bühne oder Film?

Johanna Giraud: Auf der Bühne bin ich seit gut 23 Jahren zu hause. Hier haben wir Schauspieler noch die Kontrolle darüber, was erzählt wird und wie. Beim Film dagegen ist der Einfluss auf das Endergebnis vergleichsweise gering. Die fertige Szene – Tempo, Reihenfolge, Musik – entsteht im Schnitt und kann stark abweichen von dem, was eigentlich gespielt wurde. Auch kann eine Tagesrolle schon mal rausgeschnitten werden. Das gibt es auf der Bühne natürlich nicht. Hier wird alles genau geprobt und lange vor dem Auftritt festgelegt. Am Set bekomme ich manchmal noch am selben Tag einen neuen Text, und dann wird zügig gedreht.

Die Flexibilität, die ihre der Schauspielberuf ermöglicht, ist für die 28-jährige gerade in Corona-Zeiten wichtig. (Foto: Heiko Mlodystach)

Die Flexibilität, die ihre der Schauspielberuf ermöglicht, ist für die 28-jährige gerade in Corona-Zeiten wichtig. (Foto: Heiko Mlodystach)

Auch meine Spielpartner und überhaupt die ganze Crew lerne ich häufig erst kennen, wenn bereits gedreht wird. Erstmal warmlaufen oder eine Nacht drüber schlafen, was der Regisseur in der Szene will, ist nicht. Dennoch stehe ich sehr gerne vor der Kamera. Die Arbeit ist unglaublich präzise, die Kamera sieht alles! Jeder winzig kleine Moment, jede minimale Bewegung der Mimik zählt. Zudem entsteht hierbei ein bleibendes Werk und es können mehr Menschen erreicht werden, was ich sehr reizvoll finde. Anspruchsvoll und auch faszinierend ist definitiv beides.

Gibt es ein Vorbild, das Sie bei Ihrer Arbeit inspiriert und begleitet (nicht unbedingt physisch, mehr mental)?

Johanna Giraud: Mich inspiriert in erster Linie das Leben mit all den Geschichten und Persönlichkeiten, die es hervorbringt. Trotzdem gibt es natürlich Menschen, die mich mental auf meinem Weg unterstützt und begleitet haben. Ich war viele Jahre in der Theater AG des Bergstadt-Gymnasiums in Lüdenscheid und habe dort eine Menge von Matthias Wagner gelernt, der Kunst und Kultur noch heute fördert, was mich sehr beeindruckt. Außerdem kann ich mich glücklich schätzen, dass meine Familie hinter mir steht. Dankbar bin ich bereits jedem, der mir nicht unnötig Steine in den Weg gelegt hat.

Wie kam es zu der Rolle im Kurzfilm „Vollkrassmann“ von 2017? Ich habe ihn auf Amazon Prime gesehen, aber Infos sind dazu ganz allgemein nur sehr schwer zu finden.

Johanna Giraud: Auf klassischem Wege: Ich habe mich beworben und daraufhin die Rolle bekommen. Von dem Projekt erfahren habe ich damals über die Internet-Plattform Crew-United, soweit ich mich erinnere.

In diesem Jahr erscheint ein neuer Film von Anil Altinyay, dem Regisseur von „Vollkrassmann“. Da spielen Sie auch mit. Können Sie schon sagen, worum es in dem Film geht und wo er zu sehen sein wird?

Johanna Giraud: Darin spiele ich eine junge Mutter, deren Tochter von schlimmen Alpträumen geplagt wird. Auf der Suche nach der Ursache stoße ich auf ein dunkles Geheimnis in der Vergangenheit und einen uralten Fluch. Wer Stephen-King-Verfilmungen mag, dem wird die Story sicher gut gefallen. Durch die ganzen Verschiebungen der Termine verzögert sich da gerade vieles und es sind aktuell noch Neubesetzungen im Gange. Ursprünglich sollte ab April 2020 gedreht werden, denn der Film spielt im Sommer. Dann kam Corona. Da es nun schon Herbst ist, wird es noch einige Außendrehs im nächsten Jahr geben. Ich gehe davon aus, dass der fertige Film zunächst auf Festivals läuft und anschließend an Streaming-Dienste verkauft wird.

Im Lüdenscheider Filmpalast gab es ja hin und wieder auch mal Premieren kleinerer Filme mit Lüdenscheider Beteiligung. Wird es vielleicht auch einmal eine Premierenfeier zu einem Ihrer Filme in Ihrer Heimatstadt geben?

Johanna Giraud: Das würde mich natürlich sehr freuen! Sollte ich eigene Projekte verwirklichen, dann wird es sicher auch eine Kinopremiere in Lüdenscheid geben. Bei regulären Jobs ist mein Einfluss auf die Vermarktung in aller Regel eher gering, aber wer weiß. Während meiner Schauspielausbildung ist es mir ja auch gelungen, Thomas G. Waites, einen gefragten Off-Broadway-Regisseur, zu überreden, unser Stück auch im Kulturhaus in Lüdenscheid als Gastspiel aufzuführen. „The Two Gentlemen of Verona“ wurde dann zwar in englischer Sprache aufgeführt, aber es sind dennoch sehr viele Freunde und Bekannte aus Lüdenscheid da gewesen, was mich sehr gefreut hat. Bei Gelegenheit komme ich gerne wieder!

Gibt es einen Künstler (Regisseur/in, Schauspieler/in etc.) mit dem/der Sie irgendwann unbedingt einmal zusammenarbeiten möchten?

Johanna Giraud: Ich freue mich immer, mit offenen, kreativen Menschen zu arbeiten.

Was würden Sie jungen Menschen raten, die auch Schauspielerin oder Schauspieler werden wollen? Würden Sie Ihnen – im Rückblick auf den Weg, den Sie bisher gegangen sind – überhaupt empfehlen, den Schritt zum Theater, zum Film oder zum Fernsehen zu wagen? Welche Eigenschaften werden Schauspielern im besonderen Maße abverlangt?

Johanna Giraud: Ich glaube, dass jeder seinen eigenen Weg geht und einen kreativen Drang kann man ohnehin nicht aufhalten. Wer es also ernst meint mit seinem Vorhaben, der sollte sich an ein Umfeld wenden, welches die Entscheidung respektiert und im besten Fall den Werdegang unterstützt. Aber erwartet nicht zu viel. Keiner wird da an die Hand genommen. Wer sich schnell hilflos und alleingelassen fühlt, ist in der Branche nicht so gut aufgehoben. Den besorgten Angehörigen und besonders den Eltern kann ich sagen: Entspannt euch. Wenn es wirklich nicht das richtige ist, dann stellt sich das sehr schnell heraus und die Erfahrung ist sehr wichtig, um sich nicht ein Leben lang zu ärgern, sein Glück niemals versucht zu haben. Eigenverantwortung und Selbstdisziplin ist in jedem Fall eine Grundvoraussetzung für den Beruf. Wenn es hier mangelt, fällt man früher oder später auf die Nase, egal wie engagiert der Agent oder sonst wer einem den Rücken stärkt.

"Einen kreativen Drang kann man nicht aufhalten." Johanna Giraud. (Foto: Heiko Mlodystach)

„Einen kreativen Drang kann man nicht aufhalten.“ Johanna Giraud. (Foto: Heiko Mlodystach)

Ebenfalls sehr wichtig ist Gelassenheit. Der Beruf bringt genug Unruhe und Stress mit, da ist es sehr wichtig, gut geerdet zu sein und zuversichtlich zu bleiben. Gerade Zeiten wie diese zeigen, dass eine gewisse Flexibilität sich auszahlt und hilft, sich schnell neuen Bedingungen anzupassen. Das Arbeitsfeld für Schauspieler ist vielseitig, mit zahlreichen Nischen und artverwandten Tätigkeiten: Musik, Tanz, Comedy, Synchronsprechen, Werbung, Modeln, Kurzfilm, Hörspiel, Moderation, Lesungen, Animation, Puppenspiel und vieles mehr. Zahlreiche Kollegen arbeiten daher nicht nur in Theatern, sondern beispielsweise auf Kreuzfahrtschiffen, in Hotels, Freizeitparks und anderen Einrichtungen, in denen Menschen unterhalten werden wollen. Sogar in Waschsalons haben einige Karrieren begonnen. Selbst in „normalen“ Berufen sind Schlüsselqualifikationen von Schauspielern übrigens sehr gefragt. Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, seine Talente und Qualifikationen sinnvoll einzusetzen, wenn man dafür offen ist. Spielfreude ist für den Beruf eine immerwährende Grundvoraussetzung.

Sie leben heute in Köln. Zieht es Sie immer noch zurück nach Lüdenscheid, oder sind Sie froh, die alte Heimat hinter sich gelassen zu haben?

Johanna Giraud: Nach Lüdenscheid komme ich noch jedes Jahr zu Weihnachten, um Heiligabend bei meiner Familie zu verbringen. Meine Mama wohnt noch in Lüdenscheid und ich habe einige Freunde im Sauerland, zu denen ich den Kontakt halte. Insgesamt hat sich mein Lebensmittelpunkt aber doch sehr in die Großstadt verlagert. Hier in Köln treffe ich so viele Gleichgesinnte, denen ich mich nicht erklären muss. Ich habe mich hier vom ersten Tag an zuhause gefühlt. Und die Kleinkunstszene wie ich sie hier erlebe, möchte ich nicht mehr missen.

Wie geht es bei Ihnen weiter? Wo werden Sie demnächst auf der Leinwand oder auf der Theaterbühne zu sehen sein?

Johanna Giraud: Im Oktober sind noch Auftritte mit dem Ensemble „Poesie für dich“ in Köln geplant. Ebenfalls ab Oktober spiele ich darüber hinaus die Rolle der Recha in „Nathan der Weise“ im Ensemble des Theater Tiefrot unter der Regie des renommierten Regisseurs Volker Lippmann. Weitere Engagements um die Weihnachtszeit sind aktuell in Planung. In Kürze wird dann „Es ist nur eine Phase, Hase“ gedreht, eine Literaturverfilmung, in der ich eine kleine Rolle spiele. Der Film soll 2021 ins Kino kommen. Im September 2020 habe ich ein Fotoshooting absolviert. Danach konzentriere ich mich auf die Dreharbeiten von „Efreet“, in dem ich die Hauptrolle spiele. Da rechne ich Ende 2021 mit der Fertigstellung. Im nächsten Jahr möchte ich damit anfangen, auch eigene Projekte in Angriff zu nehmen, die schon lange geplant sind. Ich habe viele Ideen und viel zu selten die Ruhe dazu, sie umzusetzen. Das soll sich endlich ändern. Auch habe ich mir vorgenommen, mich mit sozialen Medien auseinanderzusetzen. Bisher bin ich da eher altmodisch unterwegs und nutze weder Facebook noch Instagram. Zu detailliert plane ich die Zukunft allerdings nicht. Die Erfahrung hat es gezeigt: Die Dinge kommen sowieso häufig anders, als geplant. Ich bin gespannt, was die nächste Zeit noch mit sich bringt und freue mich auf viele neue Begegnungen.

(Foto: Björn Othlinghaus)

Beat the Singer-Songwriter 2020 – Wettbewerb auf hohem Niveau

Siiri (2. Preis), Carmen Klughardt (1. Preis) und Marie Pannier (3. Preis) mit Moderatorin Nicoletta Privitera (3.v.l.). (Foto: Björn Othlinghaus)

„Beat the Singer-Songwriter“ statt „Beat the Band“ hieß es am Samstag, 5. September 2020, vor 120 Zuschauern in der Poco-Arena in Lüdenscheid.

Der Wettbewerb für talentierte Nachwuchs-Musiker, veranstaltet durch den Verein Kultstädte und das Kult.Park-Festival und moderiert von Sängerin Nicoletta Privitera, lief diesmal etwas anders ab als bei den beiden vorangegangenen Veranstaltungen im Festsaal Hohe Steinert. Abgesehen davon, dass keine Bands, sondern sieben Singer-Songwriter auf der Bühne standen, war auch der Ablauf des Wettbewerbs geändert worden.

Carmen Klughardt aus Lüdenscheid, Siegerin des Wettbewerbs, legte nach der Siegerehrung noch ein Stück nach. (Foto: Björn Othlinghaus)

Carmen Klughardt aus Lüdenscheid, Siegerin des Wettbewerbs, legte nach der Siegerehrung noch ein Stück nach. (Foto: Björn Othlinghaus)

Die Leistungen der Musik-Talente wurden wieder von einer dreiköpfigen Jury, diesmal bestehend aus Markus Färber (Musiker und Mitglied der SPD-Kreistagsfraktion), Annina Struve (Musiklehrerin und Musikerin) und Cofi (Musikschulleiter), sowie dem Publikum bewertet, das aber nicht durch die Messung der Applaus-Lautstärke, sondern mit Stimmkarten abstimmte. In der ersten Runde gab es noch kein musikalisches Battle. Die einzelnen Musiker präsentierten vielmehr je ein Lied in voller Länge. Bei allen Songs im Wettbewerb musste es sich um Eigenkompositionen handeln.

Hervorragende Drittplatzierte: Marie Pannier. (Foto: Björn Othlinghaus)

Hervorragende Drittplatzierte: Marie Pannier. (Foto: Björn Othlinghaus)

Dabei vergaben die Jury-Mitglieder pro Musiker jeweils sieben Punkte bis einen Punkt. Zusätzlich vergaben die Tische jeweils einen Punkt für ihren favorisierten Singer-Songwriter. Im Anschluss an einen Auftritt der Band „Some Voices“, die beim ersten Beat-the-Band-Wettbewerb den zweiten Platz belegten, traten folgende Künstler gegeneinander an: Siiri (Werdohl), Franziska Schriek (Halver), Florian Schäfer (Netphen), Carmen Klughardt (Lüdenscheid), Marie Pannier (Gummersbach), Christian Hoeper (Dortmund) und Tristan Zimmer (Menden). Ins Halbfinale spielten sich drei Damen und ein Herr. Die Werdohler Gitarristin und Sängerin Siiri erreichte in der ersten Runde mit 15 Punkten die Höchstwertung und trat im Battle gegen Marie Pannier (12 Punkte) an. Beide spielten im Wechsel drei mal zwei Minuten lang.

Siiri freute sich über den zweiten Preis. (Foto: Björn Othlinghaus)

Siiri freute sich über den zweiten Preis. (Foto: Björn Othlinghaus)

Während Siiri, die bereits mehrfach auf dem Kult.Park-Festival sowie einmal bei „Kunst gegen Bares“ in Lüdenscheid zu sehen gewesen war, mit einer ihrer facettenreichen Stimme überzeugte und sich selbst solide an der Akustikgitarre begleitete, punktete Marie Pannier mit einfühlsamen und kraftvoll-emotionalen Klavierballaden. Obwohl sie in diesem Battle auf dem zweiten Platz landete, reichte es am Ende für den dritten Platz in der Gesamtwertung. Im Anschluss konnte sich Carmen Klughardt, ebenfalls am Klavier, gegen Florian Schäfer durchsetzen, der mit seiner an den Schlagerstar Ben Zucker erinnernden Stimme und seinen allerdings deutlich gehaltvolleren Deutschrock-Songs insgesamt auf Platz vier landete. Im Finale standen sich Siiri und Carmen Klughardt, wieder mit je drei zweiminütigen Songfragmenten, gegenüber.

Florian Schäfer überzeugte mit kraftvollem Deutsch-Rock. (Foto: Björn Othlinghaus)

Florian Schäfer überzeugte mit kraftvollem Deutsch-Rock. (Foto: Björn Othlinghaus)

Das knappe Ergebnis mit nur einem Punkt Unterschied machte deutlich, dass sich die stilistisch sehr unterschiedlichen Musikerinnen auf qualitativer Ebene ebenbürtig waren. Siiri kam mit ihren Songs stimmlich und stilistisch der kanadischen Sängerin Alanis Morissette nahe, während die am Klavier begleiteten Balladen von Carmen Klughardt in Stimme, Stil und Ausführung an Alicia Keys erinnerten. Letztlich setzte sich Carmen Klughardt mit 9 zu 8 Punkten durch und konnte sich über den 1. Preis, eine Video- oder Musikproduktion mit Media4Web im Wert von 500 Euro freuen. Siiri staubte einen Gutschein in Höhe von 400 Euro für die Bandkasse ab, während Marie Pannier beim Stadtfest 2021 auf der Kult-Bühne auftreten wird – mit einer Gage von 300 Euro.

(Foto: Björn Othlinghaus)

Geht wählen! – Lüdenscheids Bürgermeister-Kandidaten werden zu Football-Stars

Die Bürgermeister-Kandidaten, hier Christoph Weiland (CDU), zeigten vollen Körpereinsatz. (Foto: Björn Othlinghaus)

Eine auf den ersten Blick eher ungewöhnliche Zusammenkunft fand am Donnerstag, 27. August 2020, auf dem Sportplatz am Honsel in Lüdenscheid statt.

Auf Einladung der Lüdenscheid Lightnings, der ersten American-Football-Mannschaft in Lüdenscheid, waren die drei Bürgermeisterkandidaten Christoph Weiland (CDU), Sebastian Wagemeyer (SPD) und Jens Holzrichter (FDP) zum gemeinsamen Football-Training angetreten. Die ungewöhnliche Aktion wurde von der Videocrew der Lüdenscheid Lightnings, bestehend aus Jean Michel Töteberg, Marcel Töteberg und Pascal Dreisbach gebührend ins Bild gesetzt.

Alle Bürgermeister-Kandidaten erhielten stilechte Football-Kleidung, natürlich in der jeweiligen Parteifarbe - hier Sebastian Wagemeyer, SPD. (Foto: Björn Othlinghaus)

Alle Bürgermeister-Kandidaten erhielten stilechte Football-Kleidung, natürlich in der jeweiligen Parteifarbe – hier Sebastian Wagemeyer, SPD. (Foto: Björn Othlinghaus)

Die Video-Crew hatte sich auf eine Anzeige des Vereins gemeldet und dokumentiert seither alle Trainings und Spiele der Mannschaft. „Mit dem Film möchten wir zur Teilnahme an der Kommunalwahl im September aufrufen“, erklärt dazu Max Unterharnscheidt, Vorsitzender der Lüdenscheid Lightnings, die als Abteilung des LTV 1861 organisiert sind, und Quarterback. Nachdem die drei Bürgermeisterkandidaten ein Aufwärmtraining absolviert und zudem die Spielkleidung angelegt hatten, die sogar in den jeweiligen Parteifarben Schwarz (CDU), Rot (SPD) und Gold (FDP) gehalten war – auf die schweren Helme wurde allerdings aus Rücksicht auf die drei Kandidaten verzichtet – brachte Max Unterharnscheidt den Kommunalpolitikern dann auch gleich einige Übungen sowie die Grundzüge des Football-Sports näher.

Manch Football-Spieler ließ sich nicht so einfach wegschieben - auch nicht von FDP-Bürgermeister-Kandidat Jens Holzrichter. (Foto: Björn Othlinghaus)

Manch Football-Spieler ließ sich nicht so einfach wegschieben – auch nicht von FDP-Bürgermeister-Kandidat Jens Holzrichter. (Foto: Björn Othlinghaus)

Während des Trainings gesellte sich auch der Head Coach der Lüdenscheid Lightnings, Sascha Heitfeld, zu der Gruppe dazu und gab den einen oder anderen nützlichen Tipp. Zu den Übungen, die die drei sportlichen Bürgermeisterkandidaten phasenweise mächtig ins Schwitzen brachten, gehörten unter anderem Agility-Übungen an der Speed Ladder, das Training von Wurf- und Fangtechniken, das Laufen einer Route mit Gegenspieler, das Blocken als O-Liner sowie der Pass-Rush auf den Quarterback mit Gegenspieler. Im Anschluss hatte jeder Bürgermeister-Kandidat dann noch die Möglichkeit, ein Statement vor laufender Kamera abzugeben, das dann in den fertigen Film hineingeschnitten wird. Der Film wird im Laufe der dieser Woche auf YouTube sowie allen weiteren Social-Media-Kanälen der Lüdenscheid Lightnings zu sehen sein.

(Foto: Björn Othlinghaus)

Music ohne Fever, aber mit viel Leidenschaft für die Musik

Das Duo Wandering Souls, Gewinner des Purple-Pumpkin-Bandwettbewerbs, traten bei der Online-Ausgabe des Music-Fever-Festivals auf. (Foto: Björn Othlinghaus)

Das beliebte Music-Fever-Festival an der Heesfelder Mühle in Halver lief in diesem Jahr im Zuge von Corona ein wenig anders ab als in den Jahren zuvor.

Die Musiker mussten zwangsläufig ohne tolle Open-Air-Atmosphäre auskommen, und Zuschauer gab es ausschließlich virtuell. „Music ohne Fever 2020“ nannten Veranstalter Robin Brunsmeier und sein Team der Soundbäckerei das Event, das diesmal am Samstag, 1. August 2020, direkt aus der Heesfelder Genussmühle auf fünf verschiedenen Facebook-Kanälen in die Welt gesendet wurde.

Aufgrund der Corona-Pandemie wurde in diesem Jahr das Music-Fever-Festival komplett gestreamt. (Foto: Björn Othlinghaus)

Aufgrund der Corona-Pandemie wurde in diesem Jahr das Music-Fever-Festival komplett gestreamt. (Foto: Björn Othlinghaus)

Für das Jahr 2021 versprach Robin Brunsmeier indes ein besonders umfangreiches Music-Fever-Festival, das nicht nur über drei statt zwei Tage gehen soll, sondern auch mit einem spektakulären Headliner aufwarten wird. Zwischen den einzelnen Streams stellte Binyo jeweils eine Frage an das Online-Publikum – wer alle fünf Fragen korrekt beantwortete, kam in den Lostopf und hatte die Chance, zwei Tickets für das Event 2021 zu gewinnen. „Music ohne Fever“ startete mit Gastgeber Robin Brunsmeier alias Binyo, der mit Rudolf F. Nauhauser (Saxophon) und Ben Vollmann (Keyboard) zwei Mitglieder seiner gleichnamigen Band mit auf die Bühne gebracht hatte.

Robin Brunsmeier alias Binyo ist der Initiator des Music-Fever-Festivals. (Foto: Björn Othlinghaus)

Robin Brunsmeier alias Binyo ist der Initiator des Music-Fever-Festivals. (Foto: Björn Othlinghaus)

Der Halveraner Singer-Songwriter präsentierte nicht nur eine Auswahl seiner Klassiker wie zum Beispiel „Jeremy Pascal“, „Alien“ oder „Frodo“, sondern auch den nagelneuen Song „Regisseur, Produzent“, der sich mit der Corona-Situation für Musiker auseinandersetzt, die nicht mehr live spielen, sondern höchstens online von Zuhause aus ihre Musik in die Welt senden können. Auch Binyos aktueller Song „Das Mädchen das nicht tanzt“ durfte nicht fehlen. Die Wandering Souls, die im Anschluss auftraten, hatten es sich nicht nehmen lassen, aus dem Köln-Bonner Raum zur Veranstaltung zu kommen. Lorena Manz und Gerrit Witterhold waren 2019 die Gewinner des Purple-Pumpkin-Bandwettbewerbs an der Heesfelder Mühle und hatten einen Bühnenauftritt auf dem Music-Fever-Festival gewonnen. „Natürlich werden sie nicht nur heute online, sondern auch im nächsten Jahr live beim Festival zu sehen und zu hören sein“, versprach Robin Brunsmeier.

Rudolf F. Nauhauser ist ein Meister am Saxophon und arbeitet mit zahlreichen heimischen Bands und Musikern zusammen. (Foto: Björn Othlinghaus)

Rudolf F. Nauhauser ist ein Meister am Saxophon und arbeitet mit zahlreichen heimischen Bands und Musikern zusammen. (Foto: Björn Othlinghaus)

Die beiden jungen Musiker mischen Acoustic-Pop auf effektvolle Weise mit Country- und Folk-Elementen und begeisterten unter anderem mit ihrem aktuellen Song „Dream on“, mit dem sie allen Kulturschaffenden zurufen, in Corona-Zeiten nicht aufzugeben, sondern weiterzukämpfen. Mit dem Projekt Hazefeld beackert Singer-Songwriter Robin Brunsmeier gemeinsam mit Sebastian Kreinberg alias BassTea, Rudolf F. Nauhauser alias Rudolf.F, DJ DoubleT und einigen anderen Künstlern ein weiteres musikalisches Genre, nämlich den Hip-Hop. Mit ihren gereimten Texten, die die beiden Hip-Hopper locker-lässig aus dem Ärmel schütteln, haben sie durchaus einiges zu sagen. Zum Beispiel dreht sich „Lass los!“ darum, dass man sich hin und wieder zwingen muss, aus der immer gleichen Tretmühle auszusteigen und etwas neues zu machen, um ein losgelöstes und zufriedenes Leben führen zu können. Nachdem die Soundbäckerei Allstars, also quasi alle anwesenden heimischen Künstler außer den Wandering Souls, die sich nach ihrem Stream bereits verabschiedet hatten, ein Programm aus verschiedenen Hazefeld- und Binyo-Nummern abgebrannt hatten, sorgte schließlich Florian Wintels für den letzten Stream an diesem Abend.

Hazefeld stehen für Hip-Hop mit deutschen Texten. (Foto: Björn Othlinghaus)

Hazefeld stehen für Hip-Hop mit deutschen Texten. (Foto: Björn Othlinghaus)

Der Musiker und Poetry-Slammer Wintels, der eigentlich als Moderator für das Music-Fever-Festival vorgesehen gewesen war, gab nun eine halbstündige Kostprobe seines Könnens, eine unglaublich unterhaltsame Mischung aus selbstironischer Comedy und ebenso komischen wie melancholischen Songs, die den Zuschauer unwillkürlich zum Lachen, aber auch zum nachdenken animieren. In dem Lied „Besser“ schlüpft Wintels in die Rolle eines armen Würstchens, mit dem die Frauen nur zusammen sind, weil das allemal besser ist, als alleine dazustehen, und mit „Über den Wolken“ führt er Reinhard Meys romantisches Schwärmen über die Fliegerei ad absurdum mit der Begründung, dass es da oben schließlich saukalt ist.

Top-Act und Rausschmeißer mit Stil: Florian Wintels. (Foto: Björn Othlinghaus)

Top-Act und Rausschmeißer mit Stil: Florian Wintels. (Foto: Björn Othlinghaus)

Auch der Song „Der eine Wunsch“ kommt fantasievoll daher und erzählt die Geschichte eines Mannes, der sich wünscht, fliegen zu können. Als ihm der Wunsch gewährt wird, mutiert er jedoch zum einsamen Außenseiter, denn alle seine Freunde sind auf dem Boden geblieben. Am Ende ist „Music ohne Fever 2020“ ein tolles Event geworden – und dennoch ist die Vorfreude auf das nächste, echte Music-Fever-Festival groß, das hoffentlich wieder auf einer echten Bühne mit echtem Publikum stattfinden wird.

(Foto: Björn Othlinghaus)

Punk goes acoustic – Soli-Konzert für das AJZ in Lüdenscheid

Graupause mit Frontmann Sven heizen dem Publikum ein. (Foto: Björn Othlinghaus)

In Corona-Zeiten ist es auch für das Alternative Jugendzentrum (AJZ) in der Altenaer Straße 23 in Lüdenscheid nahezu unmöglich, Veranstaltungen durchzuführen.

Doch die laufenden Kosten müssen weiter beglichen werden. Deshalb lud das AJZ am Freitag, 31. Juli 2020, zum Soli-Konzert „Punk goes acoustic“ mit zwei Akustik-Sets ein. Insgesamt 40 Tickets durften im Vorfeld angeboten werden, so dass die Veranstaltung zügig ausverkauft war. Während des Konzertes konnte für das AJZ gespendet werden, und natürlich kamen zusätzlich alle Erlöse des Getränkeverkaufs dem AJZ zugute. Auf der Bühne standen mit Area 61 aus Meinerzhagen und Graupause aus Lüdenscheid zwei beliebte heimische Punkrock-Formationen. Für beide Combos war es ungewöhnlich, unplugged zu spielen. Dennoch schafften es die Bands, den Abend zu einem tollen Live-Erlebnis werden zu lassen.

Area 61 mit Frontmann Marc. (Foto: Björn Othlinghaus)

Area 61 mit Frontmann Marc. (Foto: Björn Othlinghaus)

Zwischendurch legten die Musiker immer wieder kleine Pausen ein, damit die Fans im Innenhof des AJZ an der frischen Luft ihre Masken abnehmen und die Location durchgelüftet werden konnte. Area 61, bestehend aus Marc (Gesang), Alex (Gitarre, Gesang), David (Gitarre, Gesang) und Daniel (Bass) mussten an diesem Abend urlaubsbedingt ohne ihren Drummer Matthias auskommen. Trotzdem überzeugte die Band mit gutem Zusammenspiel, das trotz einiger kleinerer Pannen über weite Strecken vergessen lies, dass die Jungs hier ihr erstes Akustik-Set zum Besten gaben. Die Songs, bei denen es sich sowohl um Stücke in englischer als auch in deutscher Sprache handelt, kamen „stromfrei“ als grundsolider Gitarren-Rock rüber. So überzeugten unter anderem der Opener „Let Us Go“ oder der Song „Wer bist Du?“. Zwischendurch machten die Musiker gut gelaunt Werbung für ihre „brandneuen Merchandising-Produkte“, darunter ein dekorativer Button, der sonst für 50 Cent, diesmal jedoch für einen Euro zur Unterstützung des AJZ zu haben war, oder ein schmucker Hülsenbeutel, in den, so die Band, beim Einkaufen auch locker ein Salatkopf passt. Den nach eigenen Angaben lang gehegten Wunsch, auf der Bühne einmal mit Kapodaster (eine bewegliche Vorrichtung, um die Saiten einer Gitarre zu verkürzen) zu spielen, erfüllten sich die beiden Gitarristen ebenfalls, und zwar beim kernigen Song „Feuertanz“, der mit maritimem Einschlag daherkommt und bei dem die Jungs inbrünstig schmettern: „Die Gitarre in der Hand, bin als Freibeuter bekannt.“

Mit einem kühlen Bier singt es sich gleich viel besser. Graupause präsentierten an diesem Abend unter anderem zwei brandneue Songs (Foto: Björn Othlinghaus)

Mit einem kühlen Bier singt es sich gleich viel besser. Graupause präsentierten an diesem Abend unter anderem zwei brandneue Songs (Foto: Björn Othlinghaus)

Graupause mit Sänger Sven, den beiden Gitarristen Tom und Jens sowie Bassist Patrick sind längst über die Stadtgrenzen Lüdenscheids hinaus für ihren geradlinigen, gesellschaftskritischen und meinungsstarken Punkrock in deutscher Sprache bekannt, den sie im letzten Jahr auf ihrem rundum hörenswerten Album „Verdammte Stille“ in Vinyl verewigten. Sie rockten akustisch genauso ab, wie man es von ihren sonstigen Auftritten gewohnt war, und nicht wenige Fans versicherten den Musikern, dass sie kaum einen Unterschied zu einem Auftritt „mit Strom“ herausgehört hätten. Neben bereits bekannten Stücken wie „Max Mustermann“, der den angepassten Menschen kritisiert, hatten Graupause auch zwei neue Songs im Gepäck. In „Schöne heile Welt“ tun sich hinter der Fassade einer Vorzeige-Familie Abgründe auf, und mit „Augen in der Großstadt“ wurde ein Gedicht von Kurt Tucholsky vertont, das Schlaglichter auf flüchtige Momente in urbaner Geschäftigkeit wirft. Unter den meisten Teilnehmern des gelungenen Double-Features herrschte Einigkeit: Trotz Maskenpflicht und Abstandsregeln war es wohltuend, nach dem Corona-Logdown wieder ein gemeinsames Live-Konzerterlebnis zu haben.