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Gaspar Noés „Love“ – Guter Sex braucht langen Atem

Murphy und Electra verbindet die große Liebe. (Foto: Alamodefilm)

Skandalregisseur Gaspar Noé dreht einen Film mit dem Titel „Love“, dessen Trailer hauptsächlich unzensierte Sexszenen zeigt – ein Rahmen der eindeutig Erwartungen weckt und an Lars von Triers Filmdrama „Nymphomaniac“ erinnert. Doch bereits nach der ersten Szene des Films wird deutlich: Im Gegensatz zu von Triers Skandalstreifen widmet Noés neuster Film sich keineswegs pornographischen Bildern oder der Darstellung extremer Sexvorlieben. „Love“ dreht sich titeltreu um Liebe. Sechs Jahre lang lässt sich Gaspar Noé nach seinem letzten großen Streich, dem Drogendrama „Enter the Void“ (2008) Zeit, bis er dieses Sammelsurium aus Sex-, Liebes- Party- und Kunstszenen auf die Leinwand bringt. Was lange währt, wird endlich gut?

Murphy erwacht versoffen und deprimiert nach einer durchzechten Nacht an Neujahr von dem Geschrei seines Sohnes Gaspar. Während sich die jung-hübsche Mutter namens Omi kümmert, checkt Murphy seine Mailbox und erfährt somit vom Verschwinden seiner Exfreundin Electra . Murphy macht sich auf die Suche nach ihr – allerdings nicht im realen Leben, sondern auf die Suche in sein Inneres.

Liebestrip in der Rückblende

So durchlebt der Zuschauer in den Erinnerung Murphys die gescheiterte Beziehung rückläufig: Angefangen bei dem Geständnis, Nachbarin Omi bei einem geheimen Stelldichein geschwängert zu haben erleben wir massenhaft Sex, Eifersuchtsdramen im Party- und Drogenrausch bis hin zu verliebten Blicken und einem romantisch-unschuldigen Kennenlernen im Park. Noé schickt den Zuschauer auf eine Reise in die Vergangenheit und Erinnerung des Protagonisten und offenbart somit fragmentartige, unsortierte und trippige Szenen aus einer idealisierten Liebesbeziehung. Diese wirken umso stärker, betrachtet man sie aus dem Hier und Jetzt des Protagonisten: voller Selbstmitleid und Unzufriedenheit gefangen in einer lieblosen Beziehung mit Kind.

Diesen Rückblick schmückt Noé großzügig mit Sexszenen aus, so dass die Sequenzen ohne nackte Haut größtenteils ins Belanglose abdriften. Die Dialoge sind flach und kaum erwähnenswert, nutzt Noé sie entweder für „Namedropping“ bezogen auf Größen aus Kunst, Literatur, Film und Musik oder für das provokante Äußern von Vorlieben. Electra übernimmt in der Erinnerung den Part einer Femme fatal, einer Klischee-Französin mit dunklen Haaren, sinnlichen Lippen und Kunststudium, einer Leidenschaft für ältere Männer und viel Sinn für Amour. Ihre größte Sexphantasie ist – wer hätte das gedacht – der Beischlaf mit Murphy und einer weiteren Frau – der Anfang vom Ende dieser leidenschaftlichen Beziehung. Noé lässt Männerherzen höher schlagen und zeigt diesen Dreier ausgiebig – gekrönt durch den Einsatz der naiven und blutjungen Omi aus Deutschland, welche sich am Filmanfang als die Mutter von Murphys Sohn vorstellt.

Spiegel der Regie-Seele

Ungeachtet der Kritik, ob negativ oder positiv ausfallend – „Love“ ist der bisher persönlichste Film von Regisseur Noé. Bereits die Rahmenhandlung lässt offensichtliche Parallelen zwischen ihm und seinem Protagonisten erkennen: Murphy ist amerikanischer Filmstudent in Paris und frönt eher dem Party-, Nacht- und Liebesleben als der Filmkunst. Gaspar Noé stammt aus Argentinien, kommt als Jugendlicher nach Paris, wo er – als großer Stanley Kubrick-Liebhaber – später Filmwissenschaften und Philosophie studiert. Welch‘ Überraschung, dass Murphys Schlafzimmerwand ein „Clockwork Orange“-Poster ziert und sein Lieblingsfilm „2001: Odyssee im Weltraum“ ist. Teilweise ergeht sich der Regisseur in überaus offensichtlichen Anspielungen auf seine eigene Person, zum Beispiel als sich der wesentlich ältere Galerist und Liebhaber Electras als Noé vorstellt und Murphy seinen kleinen Sohn Gaspar nennt. Das Spannungsverhältnis, welches Noé mit der Wahl Kleinkind und älterer Liebhaber als Rahmen für seine eigene Person darstellt, wirkt undurchsichtig. Ganz plakativ wird es, wenn Murphy seiner Geliebten mit fast kindlicher Begeisterung offenbart, dass er Filme aus Blut, Sperma und Tränen machen möchte – in media res, statt versteckte Anspielung.

Bilder wie Gemälde

„Love“ erzählt eine Geschichte, die abertausende Male erzählt wurde: die Geschichte vom Scheitern der großen Liebe. Auch die Art und Weise des Erzählens ist nicht unbedingt innovativ, sondern im französischen Arthouse-Stil gehalten, den Noé gekonnt beherrscht. Die Offenheit von Schauspielern und Regisseur bei der Darstellung weicht zwar vom biederen Hollywood-Stil ab, lässt sich allerdings kaum als Provokation oder gar Tabubruch bezeichnen – das kann auch der in 3D gedrehte Cumshot ins Gesicht des Zuschauers nicht abwenden. Aber darum scheint es Noé auch nicht zu gehen: „Mein Interesse lag bei „Love“ darin, die organische Funktion des Liebesakts zu zeigen und die Dinge dabei nicht abzumildern, wie sie sonst im Kino zu sehen sind – was nichts mit dem wirklichen Leben zu tun hat.“ Und eben diese Absicht wirkt: Noé schafft Szenen, welche – teilweise standbildhaft – an ein Gemälde erinnern. Die Wirkung der Bilder wird durch eine treffende Musikwahl untermalt, was den Film an einigen Stellen überaus sehenswert macht. Die Filmschnitte zerreißen durch ein sekundenschnelles Schwarzbild zwischenzeitlich ganze Szenen, unterbrechen Dialoge wie ein Augenschlag und betonen den fragmenthaften Erinnerungscharakter in der Erzählweise.

Klischee als Gesellschaftskritik

„Love“ ergeht sich, wie bereits erwähnt, in zahlreichen Klischees und Anspielungen. Bereits die Wahl der Charaktere scheint Stereotypen abzubilden: Murphy – der coole Filmstudent, dauerhaft stoned, leidenschaftlich verliebt, aber keineswegs monogam – lebt ein hippes Künstler- und Partyleben in Paris. Ihm liegt die Welt zu Füßen, ebenso eine Zukunft mit der Liebe seines Lebens Electra. Was er daraus macht, gibt er selbst zu: „I messed it all up.“ Electra agiert ähnlich: Aus wohlhabendem Hause stammend, schmeißt auch sie ihre akademische Laufbahn und ist schließlich spurlos verschwunden – wahrscheinlich tot, wie die von ihr zitierten Worte des amerikanischen Dichters Robert Frost anmuten: „The woods are lovely, dark and deep. But I have promises to keep. And miles to go before I sleep.“ Bleibt schließlich Omi, die junge, naive und blonde Deutsche, welche sich von dem Amerikaner in Paris schwängern lässt, weil das Kondom reißt und so in einer unglücklichen Beziehung samt Kind landet. Alle drei Charaktere sind naiv und sorglos zum Scheitern verurteilt. Mit den Worten des Regisseurs: „Die Figuren sind romantisch, aber sie entgleisen.“

Allerdings ist es Noé zuzutrauen, dass er derartige Stereotype und Offensichtlichkeiten als ganz bewusste Stilmittel verwendet, vielleicht um gewisse Gesellschaftskreise zu persiflieren. Er selbst fasst zusammen: „Murphy hat nichts mit meinem eigenen Leben zu tun. Aber ich habe ihm viel mitgegeben von Leuten, die ich kenne. Ich habe Freunde, deren Kinder ein „Unfall“ waren und deren Leben sich heute um diese Kinder dreht. Es ist mehr ein Universum, das mir vertraut ist. Und es geht um existentielle Fragen. Murphy rackert sich in seinem Leben ab – das kennen doch die meisten. Murphy ist ein bisschen sein eigener schlimmster Feind.“

Was lange währt, wird endlich gut?

„Love“ ist ein Liebesfilm, welcher die Liebe in all ihrem Facettenreichtum abbildet. Noé schafft einen Film über Liebe und gleichzeitig ein Antiliebesfilm. Die drei – übrigens völlig unbekannten – Hauptdarsteller Karl Glusmann, Klara Krisin und Aomi Muyok sind jung und schön, wie sie untereinander agieren ist gleichzeitig schön und bizarr. Die Handlung verliert sich oftmals in Bildern und Musik, fordert so zwischenzeitlich einen Zuschauer mit langem Atem. Doch kehrt der Fokus immer wieder zurück auf die beiden Hauptthemen Liebe und Leid und zeigt auf eine persönliche und bildhaft bewegende Art, wie nah diese Pole beieinander liegen. Gaspar Noé muss dafür weder überraschen noch schockieren. Antiheld Murphy bringt dieses Spannungsverhältnis auf den Punkt: „How can something so wonderful, bring such great pain?“ Somit liefert er uns nicht nur ein prägnantes Schlusswort, sondern verweist vermutlich einen jeden Zuschauer auf eine eigene, sehr persönliche Erinnerung.

BUG-Folder_A4.qxpBewertung 3,5 von 5 Sternen

Love
Frankreich, Belgien 2015

Dt. Heimkinostart 29. Januar 2016
Länge 134 Minuten
Regie & Drehbuch Gaspar Noé
Darsteller Aomi Muyock, Karl Glusman, Klara Kristin, Juan Saavedra
Sprache Deutsch, Englisch DD 5.1 (DVD); Deutsch, Englisch DTS-HD MA 5.1 (Blu-ray)
FSK 18

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Kategorie: Angeguckt, Film & TV

von

In einer Ramsch-Kiste mit Taschenbüchern wurde ich, gerade mal 10 Jahre alt, fündig. Das – wie ich im Nachhinein feststellte – inkompetenteste Film-Nachschlagewerk dieser Erde, „Das Lexikon des Science-Fiction-Films“ von Roland M. Hahn, weckte mein Interesse für bewegte Bilder. Ich „zerlas“ es völlig (und auch seine nicht weniger missratenen Nachfolger über die Genres „Fantasy“ und „Horror“). Echtes Interesse für die Pop- und Rockmusik kam dagegen erst Jahre später – mit der ersten eigenen kleinen Hifi-Anlage und der CD „The Road to Hell“ von Chris Rea.

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