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„Love“ von Get Well Soon – Gropper und die Liebe

(Foto: Hanna Käßbohrer)
Konstantin Gropper liefert mit „Love“ sein Meisterwerk ab. (Foto: Hanna Käßbohrer)

Kaum jemand würde von Konstantin Gropper behaupten, dass er ein gefühlsduseliger Mensch sei. Eher warfen ihm die Kritiker insbesondere beim letzten Album seines Bandprojektes „Get Well Soon“, „The Scarlet Beast O’Seven Heads“, trotz allenthalben vorhandener Inspiration und funkensprühendem Ideenreichtum vor, viel zu verkopft, akademisch und oft auch recht sperrig an die Dinge heranzugehen.

Beim mittlerweile vierten Get-Well-Soon-Album „Love“ widmet sich Gropper gemeinsam mit seinen Musikern dem wohl beliebtesten aller Themen in der populären Musik, der Liebe, und es scheint, als sei nun endgültig der letzte kleine Knoten geplatzt, durch den das Ausnahmetalent bei den vorangegangenen Longplayern den winzigen Schritt zum popmusikalischen Meisterwerk stets knapp verfehlte.

Obwohl Konstantin Gropper auf Fotos selten gut gelaunt ist, enthält sein neues Album "Love" durchaus Midtempo-Songs mit verhalten optimistischen Tönen. (Foto: Hanna Käßbohrer)

Obwohl Konstantin Gropper auf Fotos selten gut gelaunt ist, enthält sein neues Album „Love“ durchaus Midtempo-Songs mit verhalten optimistischen Tönen. (Foto: Hanna Käßbohrer)

Das Konzeptalbum dem Mainstream zuzurechnen wäre freilich noch immer unzutreffend. Doch während sich Gropper einem Thema widmete, das die meisten Menschen interessiert und betrifft, öffnete er sich mit seiner Kunst einer größeren Zahl von Musikfreunden und gibt ihnen, ein wenig Muße vorausgesetzt, die Chance, in ein bunt-funkelndes Universum voller bittersüßer Melancholie, aber erstmals auch einer gewissen, freilich oft mit einem Hauch schräger Morbidität versetzter Lebensfreude abzutauchen. Das ist diesmal anders als in den Vorgängeralben, deren breit gestreuten Pessimismus und Weltschmerz man mögen musste, um sie uneingeschränkt genießen zu können. Dass es dem von vielen nicht zu unrecht als Pop-Genie gehandelten Gropper kaum ausreicht, das, wie viele meinen, Allerweltsthema „Liebe“ auf jene alltägliche, oberflächliche Art abzuhandeln, wie es zumindest im Pop-Mainstream Standard ist, versteht sich von selbst.

Keine Liebeskummer-Schmonzetten

Friede-Freude-Eierkuchen-Liebes- oder gar Liebeskummer-Schmonzetten sind seine Sache nicht. Gropper skizziert wenn nicht gar die düsteren, so doch die bittersüßen Seiten der Liebe. Dabei offenbaren sich die (möglichen) Geschichten hinter den Songtexten – wie schon bei den Vorgängeralben – oft erst vollständig durch die hervorragenden Videos von Philipp Käßbohrer. Hiervon wurden bis jetzt zwei veröffentlicht, das erste zum Song „It’s Love“ mit dem wie immer hübsch abseitigen Udo Kier, dessen Charakter die Rolle des liebenden Vaters natürlich etwas anders versteht, als das normalerweise der Fall ist.

In „It’s A Catalogue“, dem zweiten Track, der verfilmt wurde, geht es dagegen augenscheinlich um einen bestialischen Doppelmord, der sich für den ermittelnden Beamten jedoch als ebenso bizarre wie morbid-romantische Liebestat entpuppt. Beide Filme atmen die Atmosphäre der 70er/80er Jahre, die bei ersterem Video durch die Wahl eines architektonisch sehr authentischen Bungalows mit einer ebensolchen Einrichtung, beim zweiten vor allem durch die bis ins kleinste Detail zeittypische Ausstattung erreicht wird.

Zahlreiche Songperlen

Den übrigen Songs des außergewöhnlichen Albums können sich dessen Besitzer dagegen (derzeit) ausschließlich auf akustischem Wege nähern, finden jedoch beim Durchstöbern noch viele weitere Songperlen, darunter das als launiger Popsong daherkommende „Eulogy“, in dem das eigentlich gar nicht launige Leben eines Snobs thematisiert wird, der Liebe lediglich durch „Daddy’s Money“, falsche Komplimente und flüchtige Affären erlebt.

Mit Udo Kier realisierte Konstantin Gropper, wie immer gemeinsam mit Regisseur Philipp Käßbohrer, das Video zu "It's Love". (Foto: Sebastian Teitge)

Mit Udo Kier realisierte Konstantin Gropper, wie immer gemeinsam mit Regisseur Philipp Käßbohrer, das Video zu „It’s Love“. (Foto: Sebastian Teitge)

In „33“ zeichnet Gropper, sparsam untermalt durch Akustikgitarre und dezente Streicher, mit wenigen Pinselstrichen das Leben einer Frau, die stets die falschen Männer abbekommt und für die die Liebe zu einem „awful enemy“, einem „furchtbaren Feind“, geworden ist. Ein weiteres – diesmal enorm in sich gekehrtes – Juwel auf einem jener höchst seltenen Alben, die vielleicht Songs enthalten, welche man mehr oder weniger mag, tatsächlich aber ohne einen einzigen missratenen Track auskommen.

Großartige Musik in großartiger Verpackung

Dass großartige Musik auch in großartiger Verpackung daherkommen muss, ist in Zeiten massenhafter MP3-Klangdateien auf dem Rechner zu einem selten vertretenen Standpunkt geworden, zumindest, wenn es um Alben jenseits von (Wiederveröffentlichungs-) Angeboten für Sammler-Nerds geht. In aller Regel können CD-Käufer glücklich sein, wenn sie überhaupt ein Booklet mit ein paar Infos und nicht nur ein ein- oder zweiseitiges Inlay beigelegt bekommen.

Die limitierte Collectors-Edition ist eine lohnende Anschaffung.

Die limitierte Collectors-Edition ist eine lohnende Anschaffung.

Insofern ist die limitierte Collectors-Edition, freilich zu einem etwas erhöhten Preis von rund 29 Euro, ein echter Traum für Fans der Scheibe. In einer stabilen, hübsch gestalteten Box findet der Käufer neben der CD (inklusive eines schönen Booklets mit Lyrics und Credits) eine schmucke Postkarten-Sammlung mit Tusche-Zeichnungen des Künstlers Hermann Schenkel, von denen jede einzelne einem Song des Albums zugeordnet werden kann. Darüber hinaus enthält die Box die EP „Born With Too Much Love – The Collected Confessions of Zoltán D.“, bei der Konstantin Gropper mit fünf weiteren Songs wohl ein genaueres Schlaglicht auf jenen Typen werfen möchte, der schon in „Eulogy“ auf dem Hauptalbum auftaucht und die Liebe nur durch oberflächliche Frauenbekanntschaften und ein ihm vom Vater geschenktes Luxusleben kennt.

Synthesizer- und Keyboard-Sounds

Diese Bonus-EP atmet noch mehr als das eigentliche Album den Geist der späten 70er und frühen 80er Jahre und schwelgt in Synthesizer- und Keyboard-Sounds, die Stücke wie „Too Much Love“ sogar (im besten Sinne) radiotauglich machen. Mehr als für alle anderen Tracks der EP gilt dies jedoch für das grandiose „Gluttony“, das mit einem Synthie-Teppich und Drumbeats, die hoffnungslos oldfashioned sind, die melancholisch-poppige Stimmung vieler Albumstücke fortschreibt.

(Foto: Simon Gallus)

Der Get-Well-Soon-Mastermind steht auf schlichte Dekoration. (Foto: Simon Gallus)

Popmusik, die zwar eingängig aber auch komplex, kreativ und zudem interessant genug ist, um selbst nach mehrmaligem Hören noch über eine gewisse Halbwertzeit zu verfügen, ist rar gesät. Mit „Love“ von Get Well Soon, gerne in der großartigen Collectors-Edition, bei der auch die fünf Tracks der Bonus-EP ebenso wie die Tusche-Skizzen eine wertige Zugabe bilden, bekommt man ein ganzes Paket davon, das jeden Cent wert ist.

Anspiel-Tipp: „It’s Love“, „It’s A Catalogue“, „33“
Bewertung: 5 von 5 Punkten

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Kategorie: Angehört, Musik

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In einer Ramsch-Kiste mit Taschenbüchern wurde ich, gerade mal 10 Jahre alt, fündig. Das – wie ich im Nachhinein feststellte – inkompetenteste Film-Nachschlagewerk dieser Erde, „Das Lexikon des Science-Fiction-Films“ von Roland M. Hahn, weckte mein Interesse für bewegte Bilder. Ich „zerlas“ es völlig (und auch seine nicht weniger missratenen Nachfolger über die Genres „Fantasy“ und „Horror“). Echtes Interesse für die Pop- und Rockmusik kam dagegen erst Jahre später – mit der ersten eigenen kleinen Hifi-Anlage und der CD „The Road to Hell“ von Chris Rea.

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