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Regisseur Hans Schulte komplettiert seine Kannibalen-Trilogie mit „Kaum noch zu finden“

(Foto: Hans Schulte)
Die Freunde beraten, wie sie den verwahrlosten Mädchen helfen können. (Foto: Hans Schulte)

Der Lüdenscheider Hans Schulte hat es geschafft: Seine Film-Trilogie über vier Mädchen, die seit vielen Jahren gefangen gehalten und misshandelt wurden und die ihr Verhalten in dieser Zeit dem von Tieren angeglichen haben, wurde nach den ersten beiden Teilen „Kaum mehr als Tiere“ und „Kaum besser als Ihr“ nun mit dem Finale „Kaum noch zu finden“ abgeschlossen.

Ausgestattet mit einem extrem niedrigen Budget, das teilweise durch Crowdfunding erwirtschaftet wurde, verfilmte der Lüdenscheider eine Geschichte, die oberflächlich dem Horror-Genre zugeordnet werden kann, tatsächlich jedoch in weiten Teilen dramatische, psychologische und sozialkritischen Aspekte in den Vordergrund rückt. Wo andere im Bereich des deutschen Amateur-Horror-Films tätige Regisseure wie Olaf Ittenbach, Timo Rose oder Andreas Schnaas überwiegend die pure Splatter-Orgie in den Vordergrund rücken, wird bei allen drei Teilen der Kannibalen-Trilogie des Filmemachers aus dem Sauerland das Bestreben deutlich, nicht nur eine komplexe Geschichte zu erzählen, sondern auch darin enthaltenen Charaktere plastisch zu skizzieren und insbesondere die vier verwilderten Frauen, die im Mittelpunkt des Geschehens stehen, nicht als Monster, sondern als ambivalente Wesen darzustellen.

"Die Dunkle" wird von einem fanatisch religiösen Pärchen gefangen gehalten, das einer Sekte angehört. (Foto: Hans Schulte)

„Die Dunkle“ wird von einem fanatisch religiösen Pärchen gefangen gehalten, das einer Sekte angehört. (Foto: Hans Schulte)

Gedreht wurde die Trilogie mit semiprofessionellen Schauspielern, die größtenteils in der Lüdenscheider Altstadtbühne aktiv sind, wo sie überwiegend auf dem Gebiet des Boulevard- und Kindertheaters agieren. Vor allem die Rollen der Tiermädchen, die sich oft gebückt oder auf allen Vieren bewegen, stellte sowohl in mimischer als auch körperlicher Hinsicht eine große Herausforderung an die Darsteller dar, die diese souverän meistern. Für alle Beteiligten war es somit eine ganz neue Erfahrung, als sie sich im Jahr 2012 erstmals auf die Mitarbeit an dem dreiteiligen Horror-Drama einließen. Die Idee für sein Projekt kam Regisseur und Produzent Hans Schulte, als er auf eine Fernsehdokumentation über ein Folterhaus in Osteuropa stieß, an das die verarmten Einwohner der Region ihre Kinder verkauften, die dort von reichen Kunden mit sadistischen Neigungen gequält und zum Teil getötet wurden. Was den Filmemacher interessierte, waren jedoch nicht in erster Linie jene Sadismen, die zum Beispiel in Eli Roths Horror-Kultfilm „Hostel“, für den sicher ähnliche wahre Begebenheiten die Grundlage bildeten, im Vordergrund stehen, sondern die Frage, wie und ob eine Person, die über viele Jahre unter menschenunwürdigen Bedingungen gefangen gehalten wurde, wieder in die Gesellschaft eingegliedert und resozialisiert werden kann. Der erste Teil der Kannibalen-Trilogie mit dem Titel „Kaum mehr als Tiere“, der an einem einzigen Tag mit Amateur-Kameras und einem praktisch nicht vorhandenen Budget von 200 Euro abgedreht wurde, verlangt daher den gewöhnlichen Film- und Horror-Fan viel Geduld ab.

Beim zweiten und dritten Teil kam eine Profi-Kamera zum Einsatz. (Foto: Hans Schulte)

Beim zweiten und dritten Teil kam eine Profi-Kamera zum Einsatz. (Foto: Hans Schulte)

Gängige Horror-Effekte spart der ab 12 Jahren freigegebene und meist am helllichten Tag gedrehte Streifen fast komplett aus, dafür wendet er viel Zeit in die Charakterzeichnung insbesondere der vier verwahrlosten Mädchen auf. Schon aufgrund der kurzen Drehzeit von nur einem Tag sind die Dialoge komplett improvisiert, und die technische Qualität im Bezug auf Ton und Bild ist aufgrund der verwendeten Kameras noch recht bescheiden. Teils mehrere Minuten lange Sequenzen, in denen mit wenig Schnitten und ohne Musik gezeigt wird, wie die Tiermädchen ihre Umgebung erkunden, mögen von den Filmemachern bewusst gegen jegliche dramaturgische Regeln so inszeniert worden sein, stellen jedoch die Geduld des Betrachters auf eine harte Probe, zumal auf einen konventionellen Spannungsaufbau ebenso wie auf atmosphärische Highlights weitgehend verzichtet wurde. Bemerkenswert ist – bei allen drei Teilen – allerdings die psychedelische Musik der österreichischen Band Pain Before Silence.

Es ist nicht einfach, sich um die Mädchen zu kümmern, die sich wie wilde Tiere benehmen. (Foto: Hans Schulte)

Es ist nicht einfach, sich um die Mädchen zu kümmern, die sich wie wilde Tiere benehmen. (Foto: Hans Schulte)

Angesichts des Umstandes, dass „Kaum mehr als Tiere“ praktisch ohne Geld abgedreht wurde und die Crew in einem gemeinsamen Kraftakt diesen 92 Minuten langen Film an einem Tag aus dem Boden stampfte, muss man dennoch die Leidenschaft und das Engagement würdigen, mit dem hier alle Beteiligten bei der Sache waren. Auf einem deutlich höheren technischen Niveau präsentieren sich die beiden Fortsetzungen – insbesondere der zweite Teil „Kaum besser als ihr“ zeichnet sich nicht nur durch ein visuell deutlich ansprechenderes Bild und besseren Ton aus, sondern bedient diesmal auch mit einigen überwiegend gut gelungenen Make-Up-Effekten sowie skurril gezeichneten Fieslingen zumindest in Teilen die Erwartungen jener Horror-Klientel, die sich vom ersten Teil vermutlich kaum angezogen fühlen durfte. Bei einem deutlich höheren, wenn auch immer noch winzigen Budget von 5000 Euro stand den Filmemachern diesmal immerhin eine Profi-Kamera sowie mit Florian Duning aus Solingen auch ein professioneller Kameramann zur Verfügung, der darüber hinaus als Tonmeister fungierte. Den Unterschied bemerkt der Zuschauer sofort, insbesondere in Form der kinogerechteren Optik.

Insbesondere im zweiten Teil "Kaum besser als Ihr" geht es auch blutig zu. (Foto: Hans Schulte)

Insbesondere im zweiten Teil „Kaum besser als Ihr“ geht es auch blutig zu. (Foto: Hans Schulte)

Ferner ist in diesem Film, bei dem überwiegend die Darstellerin Nina Rosenbohm Regie führte und sich Ideengeber Hans Schulte hauptsächlich auf Drehbuch und Produktion beschränkte, eine straffere Dramaturgie vorhanden. Die Drehzeit des zweiten Teils, der allerdings „Back to Back“ mit einem größeren Teil der Szenen des Finalfilms der Trilogie, „Kaum noch zu finden“, entstand, war mit einigen Tagen ebenfalls deutlich länger als noch beim ersten Teil. Obwohl es sich bei „Kaum besser als ihr“ klar um den besten Beitrag der Amateur-Film-Reihe handelt, treten auch hier einige Schwächen zutage. Insbesondere die schiere Menge an fiesen Gestalten, die den Tiermädchen an den Kragen wollen – religiöse Fanatiker, psychopathische Snuff-Film-Produzenten und ein irrer Jäger – lassen doch auf eine etwas umgänglichere Sauerländer Bevölkerung hoffen. Darüber hinaus sind die Splatter-Szenen zwar Make-up-technisch gut gelungen, aber unterschiedlich überzeugend gespielt. Stellte Hans Schulte für diesen zweiten Teil seiner Trilogie Ende 2015 noch eine Premierenvorstellung in einem Meinerzhagener Kino auf die Beine, erschien der dritte Teil „Kaum noch zu finden“ Mitte des Jahres 2016 eher unspektakulär auf dem Markt. Dieses Finale, das in technischer Hinsicht bei einem Budget von 1500 Euro der höheren Qualität des zweiten Teils entspricht, gestaltet sich indes weniger aufsehenerregend als sein Vorgänger.

Wer die Mädchen schlecht behandelt, kann dies auch schon mal mit dem Leben bezahlen. (Foto: Hans Schulte)

Wer die Mädchen schlecht behandelt, kann dies auch schon mal mit dem Leben bezahlen. (Foto: Hans Schulte)

Obwohl sich auf der DVD ein Vermerk „Keine Vermietung und Verkauf an Jugendliche unter 18 Jahren“ befindet, halten sich bei der mit 66 Minuten extrem kurzen Produktion, welche einige offen gebliebene Fragen der ersten beiden Teile beantwortet, die Gore-Effekte ähnlich wie beim ersten Teil stark in Grenzen. Vielmehr wird hier wieder intensiver auf psychologische Aspekte Wert gelegt und den Darstellern die Möglichkeit gegeben, sich stärker zu entfalten. Insgesamt stellt der Dreiteiler des Lüdenscheiders Hans Schulte inmitten deutscher Amateur- und semiprofessioneller Horrorproduktionen auf jeden Fall eine Besonderheit dar, auf die sich der Zuschauer einlassen muss und die sich in weiten Teilen jenseits gängiger Sehgewohnheiten stellt. Insbesondere bei Teil 1 setzen sich Macher in vielerlei Hinsicht zwischen alle Stühle – Horror-Fans bietet er zu wenig Horror und stellt deren Geduld auf eine starke Probe; wer dagegen ein Drama sehen möchte, wird von vornherein von der Kannibalen-Story abgeschreckt.

"Die Dunkle" wurde von den Anhängern einer christlichen Sekte in einen Raum mit einer unberechenbaren Irren gesperrt - Szenenbild aus "Kaum noch zu finden". (Foto: Hans Schulte)

„Die Dunkle“ wurde von den Anhängern einer christlichen Sekte in einen Raum mit einer unberechenbaren Irren gesperrt – Szenenbild aus „Kaum noch zu finden“. (Foto: Hans Schulte)

Somit besteht die Gefahr, dass manch ein Zuschauer den beiden Fortsetzungen keine Chance mehr gibt, die sich in Teilen mehr an die Hostel-Streifen oder Jack-Kechum-Verfilmungen wie „The Woman“ oder „Beutegier“ anlehnen sowie über mehr Atmosphäre und Spannung verfügen. Insbesondere der Mittelteil „Kaum besser als ihr“ dürfte die Erwartungen der Horror-Klientel zumindest in Teilen erfüllen. Wer sich selbst ein Bild von den außergewöhnlichen Filmen machen möchte, kann alle drei über die Plattform Filmundo beziehen. Über Amazon ist lediglich der erste Teil noch erhältlich. Darüber hinaus können die Filme direkt bei Hans Schulte, Matratzen Hans, Heedfelder Straße 8, 58509 Lüdenscheid, montags bis samstags von 11-19 Uhr erworben werden. Teil 2 und 3 sind jeweils auch in einer Sammleredition erhältlich: „Kaum besser als ihr“ gibt es unter dem Alternativtitel „Kaum jemand hat Verständnis – Kaum mehr als Tiere 2“ in einer auf 55 Exemplare limitierten Hartbox, „Kaum noch zu finden“ unter dem Titel „Kaum noch zu finden – Kaum mehr als Tiere 3“, ebenfalls in einer aufwändig gestalteten und limitierten Hartbox. Die Sammleredition von Teil 2 verfügt über diverses Bonusmaterial.

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Kaum mehr als Tiere
Deutschland 2012

FSK ab 12 Jahre

Darsteller Nina Rosenbohn, Polyanna Move, Arne Löber u.a.
Regie & Drehbuch Hans Schulte, Nina Rosenbohm, Rudolf Karg

Bildformat 16:9
Tonformat Deutsch, Stereo
Länge ca. 92 Min.
Bewertung 1,5 von 5 Sternen

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Kaum besser als Ihr
Deutschland 2015

FSK Keine Vermietung und Verkauf an Jugendliche unter 18 Jahren

Darsteller Nina Rosenbohm, Polyanna Move, Arne Löber, Rudolf Karg, Ingo Löwen u.a.
Regie & Drehbuch Nina Rosenbohm, Hans Schulte

Bildformat 2,35:1
Tonformat Deutsch, Stereo
Länge ca. 106 Min.
Bewertung 3,5 von 5 Sternen

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Kaum noch zu finden
Deutschland 2016

FSK Keine Vermietung und Verkauf an Jugendliche unter 18 Jahren

Darsteller Nina Rosenbohm, Polyanna Move, Arne Löber, André Bourgeois u.a.
Regie & Drehbuch Nina Rosenbohm, Hans Schulte

Bildformat 2,35:1
Tonformat Deutsch, Stereo
Länge ca. 66 Min.
Bewertung 2,5 von 5 Sternen

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Kategorie: Märkischer Kreis, Regionales

von

In einer Ramsch-Kiste mit Taschenbüchern wurde ich, gerade mal 10 Jahre alt, fündig. Das – wie ich im Nachhinein feststellte – inkompetenteste Film-Nachschlagewerk dieser Erde, „Das Lexikon des Science-Fiction-Films“ von Roland M. Hahn, weckte mein Interesse für bewegte Bilder. Ich „zerlas“ es völlig (und auch seine nicht weniger missratenen Nachfolger über die Genres „Fantasy“ und „Horror“). Echtes Interesse für die Pop- und Rockmusik kam dagegen erst Jahre später – mit der ersten eigenen kleinen Hifi-Anlage und der CD „The Road to Hell“ von Chris Rea.

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