Film & TV, Hinterfragt
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Zwitschern verboten! Unterwegs mit den Geräuschemachern Tilman Hahn und Stephan Lembke

(Foto; Björn Othlinghaus)
Stephan Lembke (links) und Tilman Hahn bei der Arbeit. (Foto: Björn Othlinghaus)

Moderne Filme beziehen ihren Reiz nicht nur aus den Bildern, sondern in immer stärkerem Maße auch aus der Vertonung, die bei großen Produktionen bis zu 600 Spuren unterschiedliche Sounds gleichzeitig beinhalten kann.

Eher selten finden, mit Ausnahme der Dialoge, direkt am Set aufgenommene O-Töne Verwendung. Viel öfter wird aufwändig nachvertont, zum einen natürlich, um störende Nebengeräusche beim Dreh eliminieren zu können, aber auch, um spektakuläre Szenen wie zum Beispiel einen Autocrash akustisch eindrucksvoll auf die Zuschauer wirken zu lassen. Hier kommen Tilman Hahn und Stephan Lembke aus Köln ins Spiel.

Jetzt ist Zuschlagen angesagt. (Foto: Björn Othlinghaus)

Jetzt ist Zuschlagen angesagt. (Foto: Björn Othlinghaus)

Die beiden freien Tontechniker arbeiten seit 2013 zusammen, um Soundeffekte oder musikalische Sounds zu produzieren und diese zu fertigen Paketen und Produkten zusammenzufassen, die sie unterschiedlichen Nutzern anbieten, zum Beispiel Filmproduktions- und Computerspielfirmen. Zusätzlich zu ihrer Zusammenarbeit sind die Sounddesigner auch noch mit separaten Unternehmen aktiv. So bewegt sich Tilman Hahn mit der Firma Tonsturm (www.tonsturm.com), die er gemeinsam mit Emil Klotzsch betreibt, im Bereich des klassischen Sounddesigns, während „Galaxy Instruments“ (www.galaxy-instruments.com) von Stephan Lembke und seinem Partner Uli Boronowsky eher musische und instrumentale Sounds produziert und anbietet. Die beiden Tontechniker waren jetzt auf dem Gelände der AVL Autoverwertung in Lüdenscheid zu Gast, um dort Töne für die von ihnen angebotenen Soundpakete aufzunehmen. „Auf die AVL Autoverwertung sind wir durch das in Deutschland eher seltene Angebot gekommen, hier Autos zertrümmern zu können“, erklärt Tilman Hahn. Die Sound-Experten haben schon an vielen Orten nachgefragt, ob sie Töne aufnehmen können, stoßen mit ihrem ungewöhnlichen Anliegen jedoch längst nicht immer auf offene Ohren.

Das hat geknallt! (Foto: Björn Othlinghaus)

Das hat geknallt! (Foto: Björn Othlinghaus)

„Viele können sich nicht so recht vorstellen, was wir machen, und stehen unserem Anliegen ablehnend gegenüber“, bedauert Hahn. Sandra Manß von der AVL Autoverwertung ist jedoch immer offen für ungewöhnliche Themen und Aktionen, was sie bereits vor einigen Monaten unter Beweis stellte, als auf ihrem Gelände Teile eines Musikvideos mit der Dortmunder Band Rroyce entstanden. Mit ihren vielfältigen Sound-Produkten haben Tilman Hahn und Stephan Lembke eine Marktlücke besetzt, denn oft sind Film-, Fernseh- oder Computerspielemacher froh, wenn Töne nicht von Grund auf selbst produziert werden müssen, sondern in hoher Qualität fertig vorliegen. Neben Verwendern auf dem deutschen Filmmarkt haben die beiden ihre selbst aufgenommenen Töne auch schon in Filmen aus Übersee und sogar in einigen Blockbustern wiederentdeckt, denn manchmal können sie beim Schauen einer fertigen Produktion genau heraushören, welche Sounds von ihnen stammen. Auf dem Gelände der AVL Autoverwertung nahmen die beiden natürlich Geräusche auf, die mit Schlägen auf Autoblech oder auch auf Wellblech zu tun haben. Um eine hohe Qualität zu gewährleisten, arbeiten sie dabei mit hochwertiger Technik, darunter zwei Sanken CO 100 Mikrophone, die bis zu 100 Kiloherz aufnehmen können (das menschliche Ohr hört lediglich 20 Kiloherz) sowie ein 4-Kanal- und ein 2-Kanal-Sound-Device.

Zwei Sound-Devices gehören zur hochwertigen Ausrüstung. (Foto: Björn Othlinghaus)

Zwei Sound-Devices gehören zur hochwertigen Ausrüstung. (Foto: Björn Othlinghaus)

„Unsere Aufnahmen verfügen über eine vierfache CD-Qualität“, erklärt Stephan Lembke. Gerne nehmen die beiden ihre Außengeräusche bei eher trübem, aber regenfreiem Wetter auf. „Dann gibt es weniger Vogelgezwitscher“, erklärt Tilman Hahn. Das Prasseln von Regentropfen können die Geräusch-Spezialisten bei ihrer Arbeit natürlich ebenfalls nicht brauchen. Ferner ist ein ausreichender Abstand der Mikrophone zu den Geräuschquellen wichtig, verraten die beiden. „Der Klang muss ein Stück weit durch die Luft gehen“, meint Tilman Hahn, „denn erst durch seine Reflexion wird der Ton rund.“ Was die beiden machen, tun sie mit Leidenschaft. Akribisch suchen sie zum Beispiel an den Autowracks Stellen, an denen nach einem Schlag nicht so viel Material herunter rieselt.

Stephan Lembke dokumentiert die Tonaufnahmen mit dem Fotoapparat. (Foto: Björn Othlinghaus)

Stephan Lembke dokumentiert die Tonaufnahmen mit dem Fotoapparat. (Foto: Björn Othlinghaus)

Denn ihre Sounds, darauf legen die beiden Tontechniker Wert, werden in reiner Form ganz ohne Nachbearbeitung durch De-Noising angeboten. Die Nachvertonung von Filmen und Computerspielen ist ein zunehmend kompliziertes und komplexes, aber auch ein lukratives Geschäft geworden, wie die beiden Spezialisten beweisen, denn über mangelnde Nachfrage nach ihren Dienstleistungen im In- und Ausland können sie sich nicht beklagen. Es lohnt sich also, beim nächsten Kinofilm nicht nur über spektakuläre Bilder zu staunen, sondern auch einmal genauer hinzuhören.

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Kategorie: Film & TV, Hinterfragt

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In einer Ramsch-Kiste mit Taschenbüchern wurde ich, gerade mal 10 Jahre alt, fündig. Das – wie ich im Nachhinein feststellte – inkompetenteste Film-Nachschlagewerk dieser Erde, „Das Lexikon des Science-Fiction-Films“ von Roland M. Hahn, weckte mein Interesse für bewegte Bilder. Ich „zerlas“ es völlig (und auch seine nicht weniger missratenen Nachfolger über die Genres „Fantasy“ und „Horror“). Echtes Interesse für die Pop- und Rockmusik kam dagegen erst Jahre später – mit der ersten eigenen kleinen Hifi-Anlage und der CD „The Road to Hell“ von Chris Rea.

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